Wieder auf die Beine kommen © K. Glas

An einer Krankheit wachsen

Georg Haiber,


Vor vier Jahren hätte ich beinahe mein rechtes Bein verloren. Mein Glauben hat mir geholfen, die Krankheit zu ertragen. Das ist die Geschichte:

 

Ich erinnere mich noch genau an den Samstag vor vier Jahren; es war die Woche vor Ostern und wir erwarteten Freunde. Als sie mittags kamen, lag ich bereits mit Schüttelfrost im Bett. Montags hatte ich Schmerzen beim Gehen, am oberen Sockenrand meines rechten Beins hatte sich ein roter, dick geschwollener Ring gebildet. Zudem hatte ich hohes Fieber. Die Diagnose lautete: Erisypel, verursacht durch aggressive Streptokokken, die irgendwie – ich weiß es bis heute nicht – in meinen Körper gelangt sind.

 

Wir wissen nicht, ob wir das Bein retten können“

Zunächst wollte ich nicht ins Krankenhaus, zumal sich mein Zustand leicht besserte. Am Karfreitag kippte die Krankheit. Stunden später konnte ich schon nicht mehr aufstehen; selbst ein Gang zur Toilette brachte mich vor Schmerzen an den Rand einer Ohnmacht. Tage später landete ich dann im Krankenhaus. Die Bakterien hatten ganze Arbeit geleistet und mein Bein von innen regelrecht zerfressen. Überall hatten sich schon schwarze Flecken, sogenannte Nekrosen, gebildet.

 

Bei der ersten Visite inspizierten zwei Chefärzte, zwei Oberärzte und drei Schwestern mein Bein. Was sie sahen, verschlug ihnen die Sprache. Nach einigen Sekunden, die mir wie ein halbe Ewigkeit vorkamen, wies einer der Ärzte eine Schwester an: „Sofort den OP bereit machen“, und zu mir gewandt: „Sie sind sehr schwer krank; wir wissen nicht, ob wir das Bein retten können.“ Ich lag da, konnte erst gar nichts denken, dann schossen mir Gedanken durch den Kopf: wie es sich wohl leben lässt mit einer Prothese, ob man damit Auto fahren kann. Ich dachte an meine Familie.

 

Meine ganze Hoffnung setzte ich auf Maria

Meine Frau gab mir ein Bildchen von Maria, das ich in den nächsten Stunden und Tagen auch nicht mehr aus der Hand gab. Der Arzt, der mir die Kanülen anlegte, machte mir Mut und lobte den Arzt, der mich operieren sollte. Mein Bein hing sozusagen am seidenen Faden, genauer gesagt am nächsten Röntgenbild. Sollten darauf schwarze Flecken auf den Knochen zu sehen sein, wäre eine Amputation unumgänglich. Und so rollte ich die langen Krankenhausflure entlang, dem Röntgenapparat entgegen, Maria in der Hand und meine Frau an der Seite. Es war Freitagnachmittag und die diensthabende Schwester wollte ins Wochenende. Aus irgendeinem Grunde streikte die Maschine. Ich lag wie auf einem Brett, nur bedeckt mit einem weißen Tuch. Mich fror. Ich versuchte dennoch ruhig und regelmäßig zu atmen. Die Minuten wurden zu Stunden. Ich dachte an die Gottesmutter, all meine Hoffnung setzte ich auf sie. Endlich kam das Röntgenbild. Mit meinen Knochen war alles in Ordnung.

 

Ich war ganz ruhig

Für mich bedeutet dieser Moment den Wendepunkt, obwohl die schwierige Operation noch bevorstand. Ich betete um den Beistand des Heiligen Geistes; dass er dem operierenden Arzt die Hand während der mehrstündigen Operation führen möge.

 

Alles ging gut. Es folgten vier Tage Intensivstation. Von meinem Bein war danach zwar nicht mehr viel übrig. Aber immerhin, es war noch da. Es mag seltsam klingen, aber ich war ganz ruhig, und ich wusste im Herzen, dass Maria bei mir war – und es gab ja zum Glück gute Betäubungsmittel. Zweimal musste ich noch operiert werden. Mindestens neun Monate, so prophezeiten mir die Ärzte, würde ich im Krankenhaus bleiben müssen. All das nahm ich gelassen hin, wenn ich nur wieder gesund werden würde.

 

Von Tag zu Tag ging es mir besser

Am vierten Tag begann ich in der Bibel zu lesen. Meine Familie besuchte mich regelmäßig, ebenso Freunde und ein Pater, der mich ein Jahr zuvor auf meinem Weg in die Kirche begleitet hat. Ich spürte deutlich: Ganz viele Menschen dachten an mich und beteten für mich. Für jede Etappe auf dem Weg zurück in die Normalität war ich froh: der erste Gang auf die Toilette, die erste Rasur nach zwei Wochen, die erste Nacht ohne Betäubungsmittel. Für all das dankte ich Gott.

 

Die Heilung machte rasante Fortschritte. Das Ganze grenzte beinahe an ein Wunder, so meinten die Ärzte. Aus den prophezeiten neun Monaten wurden sechs Wochen, und einen Tag vor Pfingsten durfte ich nach Hause.


Aus: UNSER WEG, Schönstatt Familienmagazin 1/2008
www.unserweg.com


 

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