Auge eines Mädchens © K. Glas

Knallharte Diagnose

Routineuntersuchung beim Augenarzt, eine wichtige Vorsichtsmaßnahme für Diabetiker. "Alles in Ordnung", sagt die Augenärztin. Ich spüre anders, doch ich lasse mich beruhigen ...

 

Hochaggressiver Hautkrebs

Das Gefühl, dass mit meinen Augen etwas nicht stimmt, kommt auch in den kommenden Wochen immer wieder hoch. Zudem ist mir ständig etwas schlecht, ähnlich wie in Zeiten der Schwangerschaft. Als ich dann immer öfter einen blitzenden Wassertropfen im Auge sehe, gehe ich nochmals zum Augenarzt. Er sieht, dass etwas nicht in Ordnung ist und besorgt mir für den nächsten Tag einen Termin in der Augenklinik. Stundenlanges Warten, stundenlange Untersuchungen, abschließend von der Oberärztin. Und dann die Diagnose, kurz und bündig: "Sie haben ein malignes Melanom im rechten Auge, zirka 3 bis 6 Millimeter groß; das ist hochaggressiver Hautkrebs. Sie werden für eine Woche stationär einbestellt, damit in verschiedenen Kliniken festgestellt werden kann, ob schon Metastasen da sind. Wir behandeln diese Art von Krebs, indem hinter dem Auge eine radioaktive Platte eingesetzt wird. So versuchen wir, den Tumor zu zerstören."

 

„Lass mich mit dir sehen"

Knallhart! Mein erster Gedanke: du also auch! Meinem Mann und meinen Kindern kann ich das Ergebnis nicht sofort sagen; das muss ich erst mal selbst verdauen. "Ich schenk dir meine Augen ..." Ganz neue Bedeutung hat plötzlich die "Kleine Weihe", ganz neue Bedeutung der Text, den ich so gern gesungen habe: "Lass mich mit dir sehen". Was bedeutet das? Will Gott mir eine neue Sicht schenken?

 

Ich bin auch wütend über die Art der Behandlung von Seiten der Ärzte und habe Angst vor den kommenden Veränderungen. Ich ziehe weitere Ärzte zu Rate, doch im Innern ist mir bald klar: Nein, ich will kein "Versuchskaninchen" sein. Und ich beginne, mich von meinem Auge zu verabschieden. Was mir dabei hilft ist der Gedanke: Ich schenke es Gott zurück. Es ist ja nur eines, und da noch keine Metastasen sichtbar sind, ist die Entfernung sicherer. Denn wenn der Tumor beim Versuch der Zerstörung verletzt würde, hätte das ja auch Streuung zur Folge.

 

Die zuständige Professorin respektiert meine Entscheidung. Deutlich bekomme ich jedoch auch zu spüren, dass das Team an mir gern Erfahrungen gesammelt hätte. All das bespreche ich mit der Gottesmutter, mit Pater Kentenich. Auch mit Schwester M. Emilie spreche ich lange und oft. Gerade sie hat ja in Sachen Kranksein viel Erfahrung. Jetzt geht es mir ähnlich wie ihr: dass Gott etwas lieb Gewordenes aus meinem Lebenskoffer zurück erbittet ...

 

Was im Ernstfall trägt

Gestärkt mit dem Sakrament der Krankensalbung und mit der Zusage des Gebetes meiner Gruppe, anderer Schönstatt-Mütter und vieler Gemeindemitglieder gehe ich getröstet und ruhig in die Operation. Wie gut, dass es Menschen gibt, die uns das Rosenkranzgebet gelehrt haben. Dieses Seil gibt mir Halt. Es schafft die Verbindung zum Vater, dessen Liebe mir sicher ist; zum Sohn, der uns diese Liebe gezeigt und vorgelebt hat; zum Heiligen Geist, der mich mit ihnen verbindet. Ganz neu gehen die einfachen Sätze der Taizè-Gebete in mich ein, gerade in den Tagen großer Schmerzen, die ich so nicht erwartet und noch nicht gekannt habe.

Was uns im Ernstfall trägt? Das Gebet, die Verbindung nach oben und zur Seite, die Gewissheit, dass hinter allem Geschehen Seine Liebe steht.

 

Alles ist anders geworden ...

Seit der Operation ist nichts mehr wie es war. Alles ist anders geworden, alles muss neu gelernt werden, jede Tätigkeit fällt schwerer. Mein Gleichgewicht ist nicht nur beim Gehen gestört; jede Bewegung geschieht in großer Unsicherheit.

"Ich schenke dir mein Auge." - Das zieht vieles nach sich. Das heißt auch: Ich schenke dir meine Sicherheit, meine Kraft, mein Nicht-Können, meine Traurigkeit, meinen Schmerz, das Unverstandensein, das Warten-Müssen, die äußere und innere Dunkelheit. Vor allem aber schenke ich dir  mein Ja, denn weil du, mein Gott, dahinter stehst, darum behalte ich Mut.

 

Viele, die mir auf der Straße begegnen, versichern mir ihr Mitgefühl. Viele brauchen einen herzhaften Anstoß, wenn sie fragen: "Warum gerade du, wo du doch immer für andere da bist ...?" Dann frage ich gerne zurück: "Und warum nicht ich?" Dabei dämmert mir, was Gott vielleicht gemeint hat: "Lass mich mit dir sehen!" Vielleicht gilt das nicht nur mir, vielleicht will er, dass auch andere durch mich manches anders sehen lernen!

 

Ganz deutlich wird mir das bei meinen Schülern in der dritten Klasse (Religionsunterricht). Sie wollen wissen, wie das geht, wenn so eine Änderung im Leben eintritt. Sie sprechen mit ihren Eltern darüber und daraufhin die Mütter mit mir. Es kommen Gespräche zustande, die so noch nie möglich waren. Noch heute fragen manche Kinder am Schluss der Stunde: "Wie geht es dir und deinem Auge?"

Noch heute darf ich den Korb mit Bügelwäsche einer Schönstatt-Mutter bringen. Noch heute habe ich eine Frau, die die Wäsche flickt. Von vielen weiß ich, dass sie ihre Unpässlichkeiten nicht mehr so wichtig nehmen, weil sie sehen, dass es Schwereres gibt. Alles ist anders, braucht Zeit, will neu gelernt werden ...

 

Ich lobe meinen Gott

Tod, wo ist dein Stachel? - "Ich lobe meinen Gott, von ganzem Herzen, von all seinen Wundern will ich heute erzählen und rühmen seinen Namen!" Das ist mein Lieblingslied geworden.

 

Aus: BEGEGNUNG - Zeitschrift aus Schönstatt für Frauen
www.zeitschrift-begegnung.de

 

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