Herbststimmung © H. Brehm

trauern, hoffen, weiter leben

Klaus Glas,

 

Frau U. sitzt zitternd vor mir und weint. Die 25-Jährige hat ihre Oma verloren. Sie starb an einem grauen Oktobertag, allein, im Krankenhaus. Das Verhältnis zur Großmutter war zeitlebens herzlich gewesen. Sie war es, die sich um sie kümmerte, als der Vater die Familie vor Jahren verließ. „Meine Mutter musste arbeiten gehen. Meine Oma hat mich groß gezogen."

 

Seit dem Tod der Oma raucht Frau U. mehr als gewöhnlich. Von ihrem Freundeskreis hat sie sich zurückgezogen. Sie vermeidet den Gang zum Grab. Der Schmerz wäre nicht aushalten. Sie schläft nachts nicht mehr durch. Immer wieder muss sie daran denken, wie schlecht es der Oma ging, als man sie ins Krankenhaus einlieferte. Manchmal bekommt sie Herzrasen und Schweißausbrüche - aus heiterem Himmel. Sie nimmt bei Bedarf ein pflanzliches Beruhigungsmittel ein. „Mein Leben ist völlig aus dem Rhythmus geraten. Ich hab' Angst, dass auch meiner Mutter etwas passiert. Dann hätte ich niemanden mehr!"

 

Trauer ist eine natürliche, angeborene Reaktion auf den Tod eines uns nahe stehenden Menschen. Typischerweise gerät das Leben eine Zeit lang aus dem Rhythmus. Es ist normal, wenn man ein ganzes Jahr lang ein bisschen neben der Spur läuft. Dabei zeigen sich Veränderungen im Verhalten und im Denken. Auch treten vermehrt körperliche Beschwerden auf. Trauer ist keine Krankheit.

 

Wichtig ist, sich Zeit zu lassen und nicht übereilt zur Tagesordnung überzugehen. Tatsächlich dauern die Trauerreaktionen lange, wenn jemand aus dem engsten Familienkreis stirbt. Neueren Studien zufolge hat man diesen Umstand lange Zeit unterschätzt. So berichten Personen, die ihren Ehepartner verloren haben, noch 30 Jahre später, sie würden mindestens zwei bis drei Mal im Monat an den Verstorbenen denken und dabei traurig sein.  

 

Üblicherweise lässt die Trauer mit der Zeit nach. Es ist nach heutigem Erkenntnisstand gar nicht so wichtig, die Trauer intensiv zu verspüren, um mit dem Verlust fertig zu werden. Damit alles in psychisch gesunden Bahnen läuft scheint es vielmehr von Bedeutung zu sein, auch positive Gefühle zuzulassen: die wieder aufkommende Freude am Leben und das Gefühl der Dankbarkeit dem Verstorbenen gegenüber. Dieser ist zwar weg, und doch ist er noch da: in unseren Gedanken und in Gegenständen, die wir mit ihm in Verbindung bringen. Der Dialog mit den verstorbenen Eltern, dem Ehepartner oder dem Kind kann fortgeführt werden. Tatsächlich beten viele Trauernde zu ihrem lieben Verwandten, damit er ihnen helfe, den Alltag zu bewältigen. Es ist offenbar tröstlich, einen persönlichen Fürsprecher im Himmel zu haben. Menschen, die auf diese Weise ihre Trauer verarbeiten, können besser mit emotionalen Belastungen umgehen. Die geglückte Trauer hat sie stärker gemacht, die kleinen Kämpfe des Lebens zu gewinnen.

 

Gibt es ein Leben nach dem Tod? Werde ich die geliebte Person wieder sehen? Wie soll ich mir den Himmel vorstellen? Was ist Auferstehung?

An den Himmel glauben viel weniger, als man gemeinhin glaubt. „Gott? Ja!" „Himmel? Nein!" "Es ist schließlich noch keiner von den Toten zurückgekommen." Diese leicht dahin gesagten Sätze, braucht man nicht einfach nachplappern. Stattdessen ist es besser, nach hoffnungsvollen Antworten suchen. Der Vorstellung, dass die Toten „in Ewigkeit ruhen", kann ich persönlich nichts abgewinnen. Ich stelle mir vor, dass es auch im Himmel Begegnung und Bewegung, Menschen und Musik gibt, und dass wir Gott von Angesicht zu Angesicht begegnen dürfen. Deswegen bete ich lieber: „Herr, lass' sie leben in Ewigkeit!" 


 

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