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Einfach nur nervig...

Claudia Brehm,

 

Die Zumutungen des Alltags gelassener angehen

Lärm, Raumenge, verwirrende Technik, abstürzende oder virenverseuchte Computerprogramme … Immer noch kompliziertere Abläufe bei Bestellungen, Überweisungen, Anträgen, bürokratische Strukturen … Genervte, schnell ausflippende Mitarbeiter und Chefs, quengelnde Kinder, hinterhältige Nachbarn … Täglich gibt es unzählige Gelegenheiten, sich zu ärgern, aufzuregen, auszurasten. Unsere „heutige Welt“ ist ziemlich nervig geworden. Ob unsere Vorfahren das auch schon so empfunden haben?

Obwohl viele Menschen genau sagen können, was sie stört, gibt es kaum Antworten auf die Frage, warum es stört. Forscher haben einige Bedingungen herausgefunden, unter denen Menschen besonders leicht „irritiert“ reagieren.

 

Wann nervt's?

Als nervend wird Unangenehmes erlebt: der tropfende Wasserhahn, die surrende Stechmücke, das aufdringliche Parfüm ... Auch Unberechenbares: der hämmernde Nachbar (ich weiß ja nicht, wann er wieder aufhört), die laute Musik im Zimmer nebenan. Auch eine Geräuschkulisse von unbestimmter Dauer erzeugt Unruhe und Ungeduld. Ein Beispiel, bei dem diese drei Störquellen gleichzeitig zutreffen, sind Handy-Gespräche. Mithören zu müssen, wenn andere in ihr Gerät plappern, scheint für viele eine Belästigungsquelle zu sein: nervender Dreiklang aus Unangenehmem, Unberechenbarem und unbestimmter Dauer.

Interessanterweise werden Handy-Gespräche, die man nebenbei mitbekommen muss, störender empfunden als Dialoge zwischen zwei Menschen, die sich mit uns im gleichen Raum befinden, obwohl da ja viel mehr zu hören ist, nämlich die Gesprächsanteile beider Personen. Bei den mitzuverfolgenden Handy-Gesprächen hört man immer nur eine Person sprechen. Genau das scheint die Crux zu sein: Da man bei diesen „Halbgesprächen“ nicht hört, was die andere Seite sagt, sei das Gehirn – so Wissenschaftler der Yale University – ständig damit beschäftigt, zu erraten, wie das Gespräch weitergeht. Zusätzlich kann keiner abschätzen, wann das Gespräch zu Ende sein wird. Versuchspersonen, die hochkonzentriert eine Aufgabe erledigen sollten, schafften das gut bei Stille oder bei Nebengesprächen im Raum, aber nicht mehr, wenn jemand sich im Zimmer aufhielt, der gerade mit dem Handy telefonierte.

Sand im Getriebe

Belästigungen, die uns auf die Palme treiben, lassen uns in der Regel immer dann mit den Augen rollen oder bösartige Kommentare abgeben, wenn wir Verzögerungen, Ablenkungen, „Sand im Getriebe“ hinnehmen müssen, wie z. B. unpünktliche Züge, weil sie unseren eng getakteten Programmablauf durcheinander bringen, fehlende Eier beim Kuchenbacken, weil es den Backvorgang unnötig in die Länge zieht, unverständliche Gebrauchsanweisungen, weil sie Tätigkeiten verzögern, für die wir nicht so viel Zeit eingeplant haben. Also immer dann sind wir in Gefahr, genervt zu werden, wenn etwas nicht in der Schnelligkeit und Leichtigkeit von Statten geht, wie wir es uns gedacht oder geplant haben.

 

Zwischen Ärger und Frustration

Genervt sein, ist das eine milde Form von Ärger oder eher Widerwillen und Frustration? Wissenschaftler sind sich nicht einig. Genervt sein ist subtil, es ist nicht ganz Zorn und nicht ganz Ärger. So ganz richtig passt es in kein Schema hinein, meinen die einen. Die anderen stellen fest, dass das limbische System im Körper eine große Rolle spielt; das ist dort, wo Prozesse ablaufen, die nur zum Teil steuerbar sind und sich zum anderen Teil unserem Bewusstsein entziehen.

Auf jeden Fall ist der „Genervte“ innerlich unruhig, negativ motiviert, gereizt; er baut Ärger auf und lässt sich zu Worten oder Taten hinreißen, die er im „normalen Leben“ nicht äußern bzw. wie er nicht reagieren würde.

 

Stressverstärker im Kopf

Unsere unübersichtliche Welt ist voller nerv-tötender Dinge, aber wie oft und wie sehr wir genervt sind, hängt zu einem Großteil auch von uns selbst ab. Je voller der Terminkalender, je eiliger die Autofahrt, je größer der Zeitdruck, desto eher reagiert der Mensch genervt und ungeduldig. Neulich unterhielt ich mich im Auto mit meinem Sohn darüber, warum die Ampeln auf der Fahrt zum Bahnhof generell auf Rot stehen, wenn wir es sehr eilig haben, damit er noch seinen Zug erwischt – wogegen sie scheinbar grundsätzlich auf Grün zeigen, wenn wir superpünktlich dran sind. Schnell wurde uns klar, dass wir bei den „pünktlichen“ Fahrten ein anderes Nervenkostüm anhaben als bei den anderen, da die Störquelle „Zeitdruck“ ja ausgeschaltet ist.

 

Sozialen Allergien

Interessant ist, dass wir nicht nur mit körperlichen Allergien zu kämpfen haben, sondern jeder Mensch auch „sozialen Allergien“ ausgeliefert ist. Damit ist gemeint das Gereizt-Sein durch Dinge, die für sich gesehen völlig unbedeutend sind, die einen aber trotzdem zum Wahnsinn treiben können: das ständige Schniefen von Onkel Horst, die näselnde Stimme der Nachbarin, Sprechen mit vollem Mund, Herumkommandieren, ständiges Zu-spät-Kommen … Meist werden hier Erinnerungen an einen ähnlichen Vorfall in einem anderen Zusammenhang aktiviert. Die jetzige Situation plus die negativen Gefühle der Situation von damals zusammen ergeben eine hochexplosive – eben „nervige“ – Mischung.

 

Lebensfallen auf die Spur kommen

Eine Freundin erzählte mir neulich etwas sehr Interessantes. Sie hat festgestellt, dass sie immer dann im Blick auf das unaufgeräumte Zimmer ihres Sohnes überreagiert, wenn ihre Mutter sich zu Besuch anmeldet. Ihr Sohn habe sie darauf gebracht, als er sagte: „Echt seltsam! Letzte Woche sah mein Zimmer genauso aus, da hast du nichts gesagt, und diese Woche scheint es den Weltuntergang hervorzurufen. Und das alles nur, weil Oma mal wieder kommt!“ Zuerst sei sie wegen dieser fadenscheinigen Erklärung wütend gewesen, doch bei näherem Betrachten habe sie gemerkt, dass Fabian Recht hat. Sie meinte: „Das unaufgeräumte Zimmer erinnert mich an Situationen damals, als ich Jugendliche war und meine Mutter oft zu mir sagte: ‚Du kriegst nichts auf die Reihe. Du kannst nicht mal dein Zimmer aufräumen‘! Das hat mich damals sehr verletzt, und da ich – unbewusst – dieses Urteil meiner Mutter nicht über meinen Sohn hören wollte, animierte ich ihn immer wie verrückt, sein Zimmer aufzuräumen, bevor Oma um die Ecke biegt. Als mir dieser Zusammenhang aufging, fühlte ich mich richtig. Jetzt ist mir klar, es ist nicht an mir, für ein aufgeräumtes Zimmer bei meinem Sohn zu sorgen – das ist seine Sache. Und wie Oma reagiert, das ist ihre Sache!“

Meine Freundin hat durch ihre Lebenserfahrung gelernt, dass sie sehr wohl Dinge auf die Reihe bekommt und dass ein unaufgeräumtes Zimmer in Jugendzeiten nicht automatisch zu einem Leben in Armut, Inkompetenz und Arbeitslosigkeit führen muss.

 

Du nervst!

Auch hier sind es die kleinen Dinge, die lange Zeit nicht auf- bzw. nicht ins Gewicht fielen, aber irgendwann die Alarmglocken läuten lassen: Socken ausziehen und irgendwo liegen lassen, alle Türen aufstehen lassen, ständiges Vor-sich-Hinsingen … In dem Moment, wo die Unterstellung dazu kommt: „Das machst du ja absichtlich, um mich zu nerven!“ oder „Ich bin dir wohl gleichgültig, du willst dich ja gar nicht ändern!“, hat die Geduld ein Ende und der Ärger kann aufblühen. In den wenigsten Fällen nervt jemand absichtlich. Er hat eben Gewohnheiten, die schwer abzulegen sind. Alles Ab-Erziehen braucht viel Zeit.

Auf jeden Fall ist es hilfreich, wenn ich dem anderen freundlich mitteile, was mich „nervt“. Nur zu denken: „Der müsste doch sehen, dass ich das nicht leiden kann!“ überfordert den anderen total. Und wenn man dann noch weiß, dass nachgewiesenermaßen das Hinnehmen von nervenden Verhaltensweisen den Blick für diese sogar noch schärft und man allmählich blind wird für die vielen guten Seiten des anderen, ist man sicher schneller bereit, den Mund aufzumachen und das Gegenüber charmant und liebevoll auf die nervende Verhaltensweise anzusprechen.

 

Psychologische Distanz schaffen

Seit ich weiß, dass Genervt-Sein mit dem limbischen System zu tun hat, in dem vieles unbewusst abläuft, finde ich es spannend, zu ergründen, warum mich etwas auf die Palme bringt, und den Grund dafür dem Unbewussten zu entlocken. Will es mir etwas sagen, was ich nicht hören will?

Mit folgenden drei Fragen habe ich in akuten Genervtheits-Fällen gute Erfahrungen gemacht:

1. Muss ich jetzt genervt sein – oder geht es auch anders? Ist mir die Sache die Aufregung, die ich ihr zolle, wirklich wert?

Ich lasse mich vor allem nerven durch langsame Autofahrer in großen „Schlitten“, wenn ich es eilig habe (und das ist meistens der Fall). Seit ich mit unserer Jahreslosung – „…und du wirst ein Segen sein!“ – ins Auto steige, nimmt entweder eine bestimmte Sorte von Autofahrern vor mir ab oder ich empfinde sie als nicht mehr so nervig. Ich rufe dann schon mal laut: „Auch DU wirst ein Segen sein – auch wenn du so lahm vor dich hinfährst wie jetzt gerade!“ Oder ich sage mir: „Auch für diesen Menschen werde ich ein Segen sein, indem ich ihm seinen Fahrstil zugestehe. Hallo, lieber Gott, jetzt musst du aber schauen, dass ich noch rechtzeitig in B. ankomme!“ (Ich schlage ihm dann vor, meinen Vordermann an der nächsten Kreuzung abbiegen zu lassen – und oft scheint das genau die richtige Alternative zu sein!)

2. Eine zweite Frage: Muss ich jetzt genervt sein? Gegen wen richtet sich meine Gereiztheit? Beziehe ich die Sache fälschlicherweise auf mich? Geht sie mich vielleicht gar nichts an? Sollten vielleicht eher meine Kinder sich als ich mich aufregen?

3. Und schließlich: Muss ich jetzt genervt sein? Oder hilft es mehr, wenn ich kurz bete? Oder wenn ich die betreffende Person direkt an- und meinen Ärger sachlich ausspreche, damit sich etwas verändern kann? Oder wenn ich den Ärger von eben zum Anlass nehme, mich aus der Sache zu verabschieden, weil es sich einfach nicht lohnt und überlebt hat? Wie z. B. Frau D., die sich letztes Jahr entschied, keine Plätzchen mehr für den Advents-Bazar zu backen und der es seit dieser Entscheidung deutlich besser geht. Statt genervtem Ertragen unerträglicher Dinge sollte ich lieber den Mut entwickeln, konstruktive Veränderungen herbeizuführen.

 

Ob „die da oben“ auch genervt sind?

Hätten Gott und die Gottesmutter – rein menschlich betrachtet – nicht allen Grund, genervt zu sein? Bei dem vielen, was sie uns schon hundert Mal erklärt haben, bei den unzähligen Hinweisen, dass wir es besser anders machen sollten, um nicht immer wieder in dieselbe Falle zu tappen – und wir stolpern doch wieder rein. Aber nein, ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand, der so aus Liebe besteht, genervt sein kann. Denn er versteht ja die Umstände und die Personen auf einen Blick und erkennt damit, warum sie jetzt nerven. Diese Erkenntnis ist schon mal gut. Und ich nehme mir vor, ihnen den oder die, die demnächst wieder nerven, in die Hände und ans Herz zu legen und ihren Segen für sie zu erbitten. Das hilft! Ihnen und mir.

 

Aus: BEGEGNUNG, Zeitschrift aus Schönstatt für Frauen, 1/2015

www.zeitschrift-begegnung.de




 

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