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Ich bin nicht mein Gefühl, ich habe ein Gefühl

Gisela und Klaus Glas,


Die Menschen glauben, dass Engel fliegen können, weil sie Flügel haben. Doch Engel können nur deshalb fliegen, weil sie sich selbst leicht nehmen“, heißt ein Spruch unbekannter Herkunft.

Von der „Leichtigkeit des Seins“ können viele Paare nur träumen. Denn der Alltag ist oft schwer. Unter Stress kann man seinen Ärger nur schwer im Zaum halten: da fallen böse Worte und manche Türen laut zu. Aber die Sehnsucht bleibt, es in Zukunft besser zu machen. Heute geben wir Ihnen Tipps, wie Sie die Macht der negativen Gefühle eindämmen und guten Gefühlen mehr Raum geben können.

 

Ein Beispiel aus dem Leben

Martina und Thomas haben drei schulpflichtige Kinder, die aus dem Gröbsten 'raus sind. Beide sind wieder voll berufstätig. Thomas arbeitet als Kinderarzt in einer Klinik, Martina ist Lehrerin an einer Schule. Ihre Termine tragen sie in den großen Familienkalender ein, der in der Küche hängt. Thomas winkt mit einem Kino-Gutschein: „Schatz, ich würde gerne mit Dir ins Kino gehen. Da läuft ein schöner Film in 3D. Machen wir das übernächsten Samstag?“ Martina ist begeistert und sagt spontan zu.
In der darauf folgenden Woche erfährt Thomas zufällig, dass seine Frau an dem besagten Tag auf einer Fortbildung ist. Verärgert stellt er seine Frau zur Rede: „Wir hatten doch ausgemacht, auszugehen!“ Martina kontert: „Du hast den Termin nicht im Familienkalender eingetragen. Die Fortbildung geht vor.“ Kaum hat sie geendet, knallt die Türe zu. Thomas ist sauer und verkriecht sich in sein Arbeitszimmer.

Gefühle drücken wir mit dem Gesicht aus

Ärger, wie ihn Thomas verspürt, ist ein negatives Gefühl. Gefühle, positive wie negative, drücken wir mit dem Gesicht aus. Weltweit können Menschen ein ärgerliches Gesicht von einem fröhlichen unterscheiden. Negative Emotionen, wie Ärger und Angst, haben sich im Laufe von Jahrtausenden ausgebildet, weil sie einen Überlebensvorteil boten. Wer - ohne lange zu Überlegen – beim Anblick des gefürchteten Säbelzahntigers davon gelaufen ist, hat überlebt. Wer im Zorn Hütte und Hof gegen raubende Banden verteidigte, hatte im Winter genug zu essen.

Positive Gefühle, wie Liebe und Dankbarkeit, sind ebenfalls ein Erbe der Evolution. Menschen, die füreinander herzliche Zuneigung empfanden, blieben natürlicherweise eher zusammen als gefühllose Jäger und Sammler. Religiös gewendet kann man sagen: Gott hat uns Menschen Gefühle geschenkt, damit wir als Einzelne überleben und als Gruppe besser zusammen leben.

 

Gefühle sind da, damit wir überleben und besser zusammen leben

Für das Überleben sind vor allem die negativen Emotionen Angst, Ekel und Zorn wichtig. Angst tritt unvermittelt auf, wenn man sich bedroht oder einer gefährliche Situation gegenüber sieht, wie Martina. Ekel entsteht, wenn man Verdorbenes riecht oder Bitteres kostet. Weil solche Gefühle angeboren sind, reagieren schon Kleinkinder intuitiv richtig: sie rühren verschimmelte Lebensmittel nicht an. Bei Thomas trat nach der unvermittelten Absage seiner Frau Ärger auf. Dieser entsteht dann, wenn man sich ungerecht behandelt oder in der Ausführung wichtiger Ziele behindert fühlt.

 

Gott schuf den Menschen als Mann und Frau. Damit diese zusammen kommen und zusammen bleiben, braucht es gute Gefühle. Gefühle motivieren uns, intuitiv das Richtige in der jeweiligen Situation zu tun. Sie sind der „entscheidende Antrieb unseres Lebens“, ist der Psychologe Silva Tomkins überzeugt. So will Liebe die Vereinigung mit der gemochten Person. Das gilt in Bezug auf den Ehepartner, und das gilt in der Beziehung zu Gott. „Denn die Liebe Christi drängt uns“, heißt es bei Paulus (2 Kor, 14). Der Stolz will die eigene Person groß sehen und hofft darauf, dass der Partner das auch will. Das Gefühl der Dankbarkeit will sich beim Nächsten bedanken – und diesem auch etwas Gutes tun: Dankbarkeit drängt zum Schenken.

 

Ich bin nicht mein Gefühl, ich habe ein Gefühl

Sie fragen sich sicher, wie es mit unserem Paar weiterging? Thomas schmollte nach dem kleinen Streit mit Martina, weil sie ihn in seinen guten Plänen behindert hatte. Statt sich aber seinen negativen Gedanken hinzugeben, rief er sich einen Spruch ins Bewusstsein, den er während eines Meditations-Kurses gelernt hatte: „Ich bin nicht mein Gefühl, ich habe ein Gefühl. Ich muss jetzt dem Ärger entgegengesetzt handeln!“ Deswegen zauberte er ein mildes Lächeln auf seine Lippen. Noch am gleichen Abend suchte er das Gespräch. Er entschuldigte sich bei Martina. Umgekehrt tat sie das Gleiche. Sie einigten sich, am späten Sonntagnachmittag ins Kino zu gehen. „Komm, drück' mich 'mal“, sagte sie abschließend, „wir schaffen doch alles, was wir wollen.“ Am Kino-Tag nahmen sie sich hinterher noch Zeit, eine Kleinigkeit zu essen. Martina entführte ihren Mann in ein schmuckes Restaurant, das sie tags zuvor mit ihren Kollegen entdeckt hatte. „Auf uns und unsere kleinen Macken!“, prostete sie dem gut gelaunten Thomas zu.

 

Gute Momente und zärtliche Gesten kann man in der Ehe gar nicht genug haben. So zählte der renommierte Psychologe John Gottman bei glücklichen Paaren innerhalb eines mehrwöchigen Zeitraums fünfmal mehr positive wie negative Erlebnisse. Es braucht dieses magische Verhältnis von 5:1, weil negative Erlebnisse schwerer wiegen. Eine negative Bemerkung des Partners liegt wie Blei in unserer Seele und führt zu dem Gefühl der Traurigkeit. Es braucht viele kleine Murmeln der Zärtlichkeit auf der positiven Waagschale, die unsere Gefühlswelt wieder ins Gleichgewicht bringen.


 

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