Tür in Rhodos © G. Glas

Ängste als Chance zu mehr Lebensentfaltung

Claudia Brehm,


Ängste als Chance zu mehr Lebensentfaltung? Was für eine Überschrift! Stimmt das denn? Angst ist doch etwas Negatives, Lebenshemmendes - doch nichts Positives, Lebensentfaltendes!? Die Angst birgt beide Seiten in sich. Meist sehen wir jedoch nur die negative, lassen kein gutes Haar an ihr und bekämpfen sie. Gleichzeitig machen wir immer wieder die Erfahrung: Anstatt etwas zu bekämpfen und auszurotten, ist es besser, etwas anzuschauen, es in mein Leben mit hineinzunehmen, nach seinem Sinn zu fragen.

 

Gott - phantasievoller Schöpfer

Gott ist ein phantasievoller Schöpfer. Er hat unglaublich viel in jede von uns hineingelegt. Während unseres Lebens sind wir damit beschäftigt, diese Schätze auszupacken und sie einzusetzen. Wir spüren unsere besonderen Lichtseiten durch Reaktionen anderer, die sagen: "Das kannst du aber gut!" Wir wachsen an Aufgaben, die uns gestellt sind, bekommen in bestimmten Bereichen Erfahrung und Sicherheit, werden von Menschen um Rat gefragt. Doch dann gibt es auch Dinge, die mich fesseln, die mir die Luft abschnüren, die mich hindern, frei zu leben. Diese Dinge muss ich nicht akzeptieren. Menschsein heißt: Wandlung! Dass kleine Kinder sich verändern, damit rechnen wir, aber dass wir auch als Erwachsene in einem ständigen Veränderungsprozess stehen, daran glauben wir oft nicht mehr. Wer sich selbst nicht kennt, wird sein eigenes Werden von äußeren Umständen bestimmen lassen, auf die er scheinbar keinen Einfluss hat. Aber wir alle haben die Möglichkeit, unser eigenes Leben, unsere eigene Persönlichkeitsentwicklung bewusst zu gestalten.

 

Angst als Hilfe, mich kennenzulernen

Eine wichtige Möglichkeit, mich selbst besser kennenzulernen, sind meine Ängste. Das, wovor ich mich fürchte, das, was mich verunsichert, ist nicht nur negativ - denn genau das kann Gott benützen, um mir Dinge über mich selbst mitzuteilen.

 

Wenn ich im Folgenden von Ängsten spreche, sind damit nicht Ängste gemeint, die auf ein bestimmtes Krankheitsbild zurückzuführen sind, oder klar begründete Ängste wie konkrete Bedrohungen oder die Diagnose einer unheilbaren Krankheiten. Es geht um die ganz normalen Alltagsängste, die sich bei näherem Hinsehen oft als völlig unnötig herausstellen.

 

Ängste beeinflussen unser Verhalten. Sie können uns in erhöhte Alarmbereitschaft versetzen, uns zu besonderen Leistungen befähigen, uns vor Schaden bewahren. Sie können aber auch lähmen, blockieren. Auf jeden Fall ist es sinnvoll, sich seiner Ängste bewusst zu werden - als Schlüssel zu größerer Lebensentfaltung.

 

Die 4 Typen, die ich im folgenden beschreibe, gehen auf das Buch von W. und H. Kaufmann, Unsicherheiten als Chancen entdecken, Brunnen Verlag, ISBN 3-7655-3891-4 zurück.

Vielleicht finden Sie sich in einem der aufgezählten Typen wieder. Es sind Typen, die in der Regel nicht "in Reinkultur" vorkommen; jeder von uns trägt auch Anteile anderer Typen in sich. Und jeder Typ vereint sowohl positive, als auch schwierige Anteile.

 

Die Distanzliebende - Angst vor Nähe

Sie fühlt sich auf der Sachebene zu Hause und neigt dazu, die Beziehungsebene zu vernachlässigen. Alles was nach Geselligkeit und vielen Menschen auf kleinem Raum aussieht, meidet sie, weil es ihr Angst macht. In ihrer Distanziertheit wirkt sie selbstsicher, manchmal überheblich. Sie ist kaum in der Lage, Freude auszudrücken, genauso wenig Sorgen und Probleme. Am liebsten nimmt sie die Beobachterrolle ein. Sie ist ein Mensch, der unglaublich viel wahrnimmt, dem aber die Mitteilung fremd ist. Exaktheit ist eine ihrer großen Gaben. Arbeit und Beruf wird gerne als Fluchtweg vor persönlicher Nähe gewählt.

In der Partnerschaft wird der distanzliebende Typ leicht vom näheliebenden Typ angezogen. Aufgepasst! Der distanzliebende Typ drückt dabei seine Zuneigung eher in Taten als in Worten aus, was der näheliebende Typ oft übersieht. Bsp.: Er putzt das Auto aus Liebe, aber käme nicht unbedingt auf die Idee, dem Partner zu sagen: „Ich liebe dich so!"

 

Die Näheliebende - Angst vor Disharmonie

Sie ist der warme, anhängliche Typ, der meist zuerst an die anderen denkt. Alles, was nach Konflikt riecht, macht ihr Angst und will sie auf jegliche Weise verhindern. Ihr Harmoniebedürfnis schreckt auch nicht davor zurück, die Wahrheit etwas „zurechtzubiegen". Ihre Stärke ist der emotionale Bereich. Ihre sensible, einfühlsame phantasievolle Umgangsart mit anderen macht sie sehr sympathisch, führt aber auch schnell zur Verausgabung ihrer Kräfte. Sie fürchtet nichts mehr als Trennung, Distanzierung und Beziehungsverlust. Um sie zu verhindern, opfert sie sich lieber auf. Da sie ihre Bedeutung von der Zuneigung der anderen abhängig macht, hat sie oft eher eine geringe Selbstachtung. Sie hat Angst, abgelehnt zu werden oder allein nicht zurecht zu kommen. Sie lehnt sich gern an und unterdrückt ihre Sehnsucht nach Eigenständigkeit um der Nähe willen.

 

Die Sicherheitsliebende - Angst vor Überraschungen

Sie fährt jedes Jahr liebend gern an den gleichen Urlaubsort, wechselt ungern den Autotyp, beargwöhnt alles Neue misstrauisch. Sie fühlt sich am wohlsten, wenn ihr Leben in gewohnten Bahnen verläuft. Ihre Stärke liegt in der Bewahrung des Traditionellen. Sie hat Angst vor Veränderung und fürchtet das Durcheinander, das Unvorhersehbare. Ihr Lebensmotto: Erhalte das Bisherige. Sie ist unglaublich zuverlässig. Was sie macht, macht sie ganz. Ordnung ist für sie das halbe Leben. Nicht selten haben Sicherheitsliebende eine ausgeprägte Sammelleidenschaft und können sich schlecht von etwas trennen. Sie stehen in Gefahr, gute Eigenschaften wie Sparsamkeit überzubetonen und daraus Geiz werden zu lassen, oder ihr "enges Regel und Rituale -Korsett" auch anderen aufzudrängen.

 

Die Freiheitsliebende - Angst vor Einengung

Ihr Motto lautet: Hauptsache neu!- Neues wagen! Sie liebt die Abwechslung, das Risiko. Spontaneität und Unkonventionalität sind ihre Markenzeichen. Ihr gefällt es, andere zu begeistern, sie fürchtet Einengung, Festlegung, Gesetzlichkeit. Charmant, spritzig und liebevoll steht sie gern im Vordergrund und genießt den Applaus. Ihre Wortgewandtheit und Spontaneität verbreiten gute Laune. Nach außen wirkt sie selbstsicher und von sich überzeugt. Aber das steht im Gegensatz zu ihrer inneren Wahrnehmung. Kontinuität und Beständigkeit sind nicht gerade ihre Stärken. Unbeherrschtheit und Launenhaftigkeit machen ihr zu schaffen. Sie kann zwar schnell Beziehungen knüpfen, aber diese gehen oft wenig in die Tiefe. Innerlich hat sie Angst, als Versager abgestempelt zu werden. Wenn sie beachtet und umjubelt wird, fühlt sie sich stark. Bleibt der Applaus aus, fühlt sie sich schlecht und unbedeutend. Die Sehnsucht nach Halt und Sicherheit verdrängt sie gekonnt.


Meine Angst als Chance nutzen

Angst als Chance zu mehr Lebensentfaltung. Ein Weg, den ich bewusst und mit dem Mut zu kleinen Schritten gehen darf. Ein Weg, der leichter gelingt im Wissen: Du, Gott, bist dabei! Du Gottesmutter, gehst mit mir.

 

Die Distanzliebende

könnte versuchen, Freunde einzuladen - in größeren Abständen und mit klarer, zeitlicher Begrenzung. Oder statt die Einladung zu einem Fest wie immer sofort abzusagen, anzunehmen. Sich vorher schon Gedanken machen, wer kommt und was man mit wem reden könnte - und seien es nur zwei Personen - baut Angst und Verunsicherung ganz langsam ab (für das nächste Mal).

Meist sind wir verheiratet mit einem Partner, dessen Persönlichkeitstyp unserem eigenen entgegengesetzt ist. So könnten wir uns auch fragen: Wo war die Wesensart meines Partners in der vergangenen Woche für mich hilfreich? Dadurch hört die Negativbeurteilung des Partners auf und öffnet den Blick für neue, noch unerprobte Verhaltensweisen.

Sehr hilfreich für die Umgebung des Distanzliebenden ist es, wenn er/sie den anderen ein Stück weit an seinen Gedankengängen teilnehmen lässt und nicht nur das fertige Resultat präsentiert.

 

Die Näheliebende

darf lernen, sich selbst genauso viel Raum zu geben wie anderen. Wenn ich als Mutter, den ganzen Haushalt allein mache, während die anderen vor dem Fernseher sitzen, habe ich das Recht, auf ihrer Mithilfe zu bestehen. Meine Hingabebereitschaft hält die anderen sonst klein und unselbständig, anstatt sie zur Entfaltung zu ermuntern - ganz abgesehen davon, dass der Wutpegel in mir immer höher steigt ..."Immer muss ich, warum nicht auch mal die anderen. Ich fühle mich ausgenützt und  unwürdig behandelt).)

Die Näheliebende darf auch lernen, einen Termin abzusagen, wenn sie sich zu müde  fühlt oder mal lieber früher ins Bett möchte. Sie darf den Gedanken-Fehlschluss - Ich muss allen alles Recht machen, damit die anderen die Beziehung zu mir aufrecht erhalten - bewusst unterbrechen. Echtheit ist gefragt! Und Beziehungen, die keine Echtheit vertragen, dürfen gerne aufgegeben werden. Sie darf sich immer wieder sagen: Ich muss nicht jederzeit für jeden bereit stehen. Blumengärten werden mit Zäunen geschützt! Ich darf meinen inneren Garten schützen und mit Nein-Aussagen mich abgrenzen: "Heute nicht. Sie dürfen mich gerne ein anderes Mal wieder fragen."

 

Die Sicherheitsliebende

darf lernen, sich auf Veränderungen einzulassen, indem sie sie selbst bewusst herbeiführt oder Neuerungen, die auf sie zukommen, erwartungsvoll - statt ablehnend - entgegensieht. Wie wäre es, mal einen anderen Urlaubsort (wenn das zu viel scheint, dann eben im Nebenort eine andere Ferienwohnung) aufzusuchen oder liebe Bekannte zu bitten, auch mal überraschend vorbeizukommen, im Gottesdienst mal einen anderen Platz auszusuchen? Das sind kleine Dinge, aber sie zeigen: Alles Lebendige braucht Bewegung - und Veränderungen müssen nicht gleich zu Chaos führen.

 

Die Freiheitsliebende

darf lernen: Verbindlichkeit und Festlegung in wenigen Bereichen schnürt nicht die Luft zum atmen ab, sondern verleiht ein Stück weit Sicherheit und Stabilität und damit Tiefgang. Immer neue Bekannte, Beziehungen, Wohnorte, Arbeitsplätze und Ehrenämter verhindern das Gefühl, aufgenommen und geliebt zu sein. Feste und Gesellschaft darf auch dann genossen werden, auch wenn sie nicht gerade der Mittelpunkt ist. Den Mut haben sich zunächst in einem einzigen Bereich verbindlich zu engagieren, gibt die Chance das Schöne und Fruchtbare an Gleichbleibendem zu entdecken und zu merken, wenn etwas immer wieder gleich abläuft, kann ich mich darin verbessern und mit meiner ganzen Fülle einbringen. Gott als verlässlichen Begleiter spüren und regelmäßiger mit ihm in Kontakt treten, hilft gewaltig unabhängiger von der Meinung anderer und stabiler in der eigenen Persönlichkeit zu werden. Es ist sehr entlastend zu spüren, ich brauche den Beifall der anderen nicht, muss meine Fahne nicht nach dem Wind drehen, denn Einer liebt mich auf alle Fälle.

 

Gesichert am Seil

Wenn ich das so schreibe (und nachlese), denke ich: Nur gut, dass wir uns nicht selbst erlösen müssen. Wir dürfen und können zwar Einiges tun, sollten dabei aber nicht vergessen, dass wir uns in Gott bergen dürfen. Die Geborgenheit in IHM ermöglicht es, die eigene Unsicherheit nicht wichtiger zu nehmen als sie ist. Wer sich von ihm sichern lässt, kann sich getrost aus dem Fenster lehnen. Gott hat einen Plan mit mir, er rechnet mit mir, er schaut auf mich, nimmt sich Zeit für mich, er packt jeden Tag Freuden und Lichtspuren auf meinen Weg.

 

- Ich gehe diesen Freuden nach, suche sie bewusst, schreibe sie auf - und werde dadurch dankbar und sicherer: "Wirklich, ich bin Gott etwas wert!"

-   Wer sich von Gott "gesichert" weiß, kann seine Angst leichter in sein Leben integrieren. Ein Größerer hält ihn. Bei IHM ist der Raum, wo ich so sein darf, wie nur ich sein kann. Diese Zusage Gottes - "Du bist mir so, wie du bist, so unendlich wertvoll. Wir beide schaffen das! Du bist mein Ein und Alles!" - darf ich mir irgendwohin schreiben, oder - noch besser - oft am Tag wiederholen.

-  Ich schreibe meine Angst auf einen Zettel und lege ihn in den Krug - oder in der heiligen Messe während der Gabenbereitung auf den Altar - und halte sie damit Gott mit der Bitte um Verwandlung hin.

-  Ich nehme meine Stärken wahr und freue mich an ihnen. Ich präge die, die zu meinem Typ gehören, noch stärker aus.

Es sind Gottes Geschenke an mich. Ich sollte sie nicht unausgepackt lassen.

Also, dann seil ich mich mal an! Gut zu wissen: "... und DU bist dabei!"

 

Claudia Brehm
Aus: BEGEGNUNG - Zeitschrift aus Schönstatt für Frauen, 1/2008
 www.zeitschrift-begegnung.de

 

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