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Nimm's nicht persönlich! Gelassen mit Kränkungen umgehen

Claudia Brehm,

 
UUUh, das saß!“ Meine Nachbarin hat mal wieder einen Großangriff auf mich gestartet und voll getroffen. Ihr hämisches: „Bei Ihnen war gestern Abend ja mal wieder voll was los, nicht wahr?“ surrt noch in meinem Kopf herum, während sie schon lange an unserem Garten vorbeigegangen ist. Innerlich wie versteinert wende ich mich ab und will nur rein – rein in unser schützendes Haus, raus aus ihrer Zugriffszone auf mich. „Diese Frau, was fällt ihr eigentlich ein? Wer ist sie, um mir so etwas so hämisch zu sagen?!“ Aha, jetzt kommt die Wut! Fühlt sich auf jeden Fall lebendiger an als die Schrecksekunden und die Erstarrung vorher.

 

Schwächen und mindern

Das Wort „Kränkung“ leitet sich vom mittelhochdeutschen Wort „krenken“ her, was schwächen, mindern, plagen, zunichte machen, erniedrigen heißt. Oder – der zweite Wortstamm: „kranc“: schmal, gering, schwach. Genauso fühlen wir uns nach einer Kränkung. Eine Kränkung schwächt unser Selbstwertgefühl. Wir haben das Gefühl, zu kurz zu kommen, wenig wert zu sein, übersehen zu werden, benachteiligt zu sein, ungerecht behandelt, verkannt zu werden. Wir brauchen es, für andere eine Bedeutung zu haben, eine Rolle zu spielen für sie, geliebt und wertgeschätzt zu werden und dazu zu gehören. Wenn diese Bedürfnisse unerfüllt bleiben oder absichtlich verletzt werden, fühlen wir uns gekränkt.

 

Unsere Reaktion auf eine erlebte Kränkung ist ganz ähnlich, wie wenn wir erschrecken: Wir halten den Atem an, wir erstarren, wir verkrampfen uns und können nicht mehr klar denken. Deshalb fallen uns die passenden Antworten auf gerade erlebte Kränkungen ärgerlicherweise immer erst viel später ein. Denn in der Situation selbst sind wir damit beschäftigt, die Kontrolle über uns und die Situation zu wahren. Es sei denn, wir sind nicht so stark betroffen, dann gelingen uns schlagfertige Antworten leichter.

 

Ich entscheide, was mich kränkt

Das wirklich Interessante bei diesem Thema ist, dass wir gar nicht das Opfer sind – als solches fühlen wir uns ja –, das jetzt gekränkt wird und darauf angewiesen ist, dass der andere, der Kränker, die Initiative ergreift, um mich wieder zu befrieden; da könnte ich lange warten. Nein! Die gute Nachricht ist: Ich selbst und ich allein habe es in der Hand, wer und was mich kränkt, wie sehr ich mich kränken lasse und wie ich so mit einer Kränkung umgehe, dass Konflikte beendet werden oder gar nicht erst neu entstehen.

 

Tiefer schauen

Der Blick oder die Gestik eines anderen Menschen, unabhängig davon, ob er mich bewusst kränken will oder ob das sein übliches „Alltagsgesicht“ ist und ich die Kränkung nur hinein interpretiere – ich entscheide: Will ich mich durch diesen Blick „treffen“ lassen? Nehme ich diesen Blick persönlich?

Ich könnte nachfragen: Geht es dir heute nicht gut oder interpretiere ich deinen Gesichtsausdruck einfach falsch? Ich könnte der Gottesmutter dieses „Gesicht“ bringen und sagen: „Segne ihn/sie. Er/sie sieht in meinen Augen zum Fürchten aus! Geh ihm/ihr zur Hand.“ Ich meinte neulich zu meinem Mann, als der weitläufig entfernte Onkel an der Haustür klingelte: „Kannst nicht du raus gehen und mit ihm reden? Wenn ich sein anklagendes Gesicht sehe …!“ „Warum anklagend?“, fragte mein Mann zurück, „er sieht doch einfach nur ernst in die Welt hinein, so wie Männer das eben manchmal tun. Warum soll er auch gleich lächeln, wenn er noch gar nicht weiß, was ihn bei uns erwartet?“ Stimmt! Nur weil ich ein freundliches Gesicht mache, wenn ich bei jemandem an der Haustür klingele, brauchen das nicht alle anderen auch so zu machen. Vielleicht findet manch anderer Zeitgenosse das ja auch komisch …

 

Den wunden Punkt entdecken

Wenn unser „wunder Punkt“ getroffen wird, sind wir gekränkt. Der wunde Punkt liegt da, wo früher erlittene Kränkungen noch nicht verheilt sind und durch neue ähnliche Erlebnisse wieder aktiviert werden. Kränkungen haben also auch eine Vergangenheit. Unser Schmerz oder unsere Wut sind nicht nur die gerade aktuelle, sondern die Summe der bereits früher erlebten Wut- und Schmerzgefühle. Das erklärt so manche übersteigerte Reaktion unsererseits: Wir bekämpfen nicht nur unser derzeitiges Gegenüber, sondern alle früheren Wutauslöser gleich noch mit.

 

Doch wir haben es in der Hand, mit entsprechenden Situationen umzugehen. Ich kann zum Beispiel entscheiden, dass ich bewusst erst mal „abkühle“, bevor ich meine „Kanonen“ aufstelle. Ich kann entscheiden, dass ich erst mal mit meiner „Chefin Maria“ überlege, was da gerade abging und in welche alte Wunde hier gestochen wurde. Ich kann überlegen, welche Gesichter ich noch im dem gerade Kränkenden sehe – die Verletzer von früher – und unterscheiden: Welche Reaktion gehört zu dem aktuellen Menschen, der mich eben gekränkt hat, und welche zu einem „früheren“? Ich entscheide, beide unter Gottes Blick zu stellen und meine Wunde in sein Licht zu halten. Dann kann ER langsam, ganz langsam den Heilungsprozess beginnen.

 

Selbst die Verantwortung behalten

„Ich bin gekränkt, weil du so faul, so unpünktlich, so unordentlich, so ... bist.“ Diese Vorwürfe kennen wir alle aus unseren Beziehungen. Immer wieder stellen wir eine Verbindung zwischen dem Verhalten des anderen und unserem eigenen Wohlbefinden her. „Weil du immer zu spät kommst, geht es mir schlecht.“ – „Weil ich von dir meinen Wunsch nach Pünktlichkeit nicht geachtet fühle, fühle ich mich von dir gekränkt.“ Das Fatale an solchen Einstellungen ist, dass wir dadurch die Verantwortung für unser Wohlergehen abgeben und unserem Gegenüber die Last aufbürden, allein für unser Wohlergehen verantwortlich zu sein.

 

Ich kann entscheiden, dem anderen zu sagen, was sein Verhalten bei mir auslöst. In den allermeisten Fällen wird er aus allen Wolken fallen, weil er das, wie es bei mir ankam, nie angezielt hat. Anita sagt zum Beispiel: „Wenn du ständig später von der Arbeit heimkommst, fühle ich mich nicht ernst genommen von dir, unwichtig, so, als ob ich dir egal wäre.“ Horst darauf: „An so etwas habe ich im entferntesten nicht gedacht, das wollte ich dir nie vermitteln. Ich treffe halt meistens noch den und jenen und bleibe zu einem Schwätzchen stehen. Dass du zu Hause wütend und geknickt auf mich wartest und an meiner Liebe zweifelst, das ist mir nie in den Sinn gekommen!“ (Weil sie ihn nicht angegriffen hat, sondern von der Wirkung auf sie sprach, kann er eine sachliche Antwort geben, die beiden weiterhilft.)

 

Mutig ehrlich sein

Vielleicht bin ich gekränkt, weil ich mir alle Mühe gab (im Beruf, in der Küche, in der Beziehung), und dies entweder nicht bemerkt oder mein Einsatz auch noch negativ bewertet wurde. Schon Salomon, der weise König, sagte: „Wer, wenn nicht wir, kann für uns sorgen!“ Erwartungen an andere zu haben, diese aber nie auszusprechen und sie trotzdem erfüllt haben zu wollen, ist kindisch.


Ich darf den anderen mitteilen: „Das trifft mich jetzt echt. Ich habe mich angestrengt und finde nur Kritik!“ Oder wenn ich spüre, ich werde nörglerisch, weil kein Dank oder Lob von meinen Lieben kommt und sie alles selbstverständlich nehmen. Bevor ich dann weiter „Nörgelgift“ verspritze, ist es ehrlicher und echter, zu sagen: „Es würde mir gut tun, wenn ihr meinen Einsatz hier nicht für selbstverständlich nehmen würdet, sondern ein Danke fände. Ich glaube, meine Nörgeleien, die euch das Leben schwer machen, kommen daher.“


Bei Uta und Jörg spielte sich neulich Folgendes ab: Uta hatte Jörg ein Hemd gekauft, das er zuerst achtlos weglegte (was sie schon innerlich „verschnupfte“), und als er es nach Wochen dann schließlich anzog (Uta war froh gespannt, jetzt endlich ein Danke zu hören,) „grummelte“ er nur ärgerlich: „Dieses Hemd ist total unangenehm! Was ist das denn für ein seltsamer Stoff?“ Uta antwortete gar nichts, zog sich innerlich zurück und dachte: „Das ist das letzte Hemd, das ich dir gekauft habe!“ Der älteste Sohn merkte auf – das Gespräch fand beim Mittagessen statt –, sah seinen Vater an und meinte: „Trotzdem Danke, geliebte Frau, dass du an mich gedacht und ein Hemd für mich gekauft hast.“ Mit einem auffordernden, liebevollen Lächeln fügte er, an seinen Vater gewandt, noch hinzu: „So darfst du das jetzt deiner Frau sagen!“ Als Uta und Jörg das erzählten, lachten sie herzlich und sahen sich liebevoll an! Ich glaube nicht, dass dies das letzte Hemd war, das Uta für Jörg kaufte.

Wohl kaum einmal haben wir so einen „Sohn“ zur Stelle, der für unser Wohlergehen sorgt, deshalb müssen wir das selber übernehmen, so wie Uta und Jörgs Sohn: unaufgeregt, heiter, charmant und humorvoll!

 

Vorurteile entlarven

Keiner von uns ist frei von Vorurteilen, nur können die einen besser damit umgehen als die anderen: Weil sie eine Frau ist, stellt der Bauarbeiter seine Frage nicht ihr, sondern wartet zwei Tage, bis ihr Mann auf den Bau kommt, denn die Frau kann die Antwort ja unmöglich wissen ... – „Sie sind ja katholisch“, sagte neulich die eine alte Dame zu der anderen, als sie gefragt wurde, ob sie ihr den Spiegelartikel über ein bestimmtes Thema ausleihen könne, „da dürfen sie den ‘Spiegel‘ ja gar nicht lesen.“ Beiläufige oder offen ausgesprochene Kränkungen und gezielte Vorurteile verletzen und lassen das unangenehme Gefühl zurück, vom Gegenüber falsch beurteilt und verkannt zu werden, nicht als gesamte Persönlichkeit gesehen, sondern auf eine Einseitigkeit hin reduziert zu werden. Da es peinlich ist, Vorurteile öffentlich einzugestehen, bleiben sie in der Regel im Verborgenen und entziehen sich der Korrektur. Aber auch hier kann ich entscheiden, nicht die Bürde des anderen mit seiner verengten Wahrnehmung zu schleppen. Es liegt an mir, meinem Gegenüber galant zu vermitteln, dass ich mich nicht in sein falsches Bild pressen lasse. „Wissen Sie, unserem Papst ist sehr daran gelegen, dass jeder von uns sich seine eigene Meinung bildet, sie im Gebet durchdenkt und dann zur positiven Weltgestaltung beiträgt.“ Und wenn mir das nicht gleich einfällt – was ja meistens der Fall ist –, kann ich das durchaus auch später noch sagen.

 

Kränkungs-Leichen“ aus dem Keller holen

Am Ende einer Kränkungs-Situation steht oft der Beziehungsabbruch oder die erschwerte Kontaktaufnahme bzw. die Kontaktvermeidung. Ich will mich dieser Person, die mich – wissentlich oder unwissentlich – so verletzt und gedemütigt hat, nicht mehr aussetzen. Auf diese Weise bleiben wir negativ mit diesem Menschen verbunden. Und das kostet eine immense seelische Energie, die ich nicht mehr positiv für andere Personen oder Aufgaben habe. Gleichzeitig machen mich diese „Kränkungs-Leichen“ unfrei, denn ich überlege mir jetzt zum Beispiel, dass ich diesen einen schönen Spazierweg besser nicht mehr gehe, weil ich da ja Frau K. treffen könnte. Oder dass ich nicht mehr in meinem Lieblingsgeschäft einkaufe, weil da diese komische Kassiererin sitzt und dafür in das viel weiter entfernte Geschäft fahre ...

Um meine Freiheit wieder zu erlangen und meine seelische Energie neu zum Fließen zu bringen, kann ich entscheiden, zu dieser Person hinzugehen und sie zu fragen, ob ich sie da wirklich richtig verstanden habe? Ich kann mit ihr zunächst in meiner Vorstellung einen Dialog führen.

Am besten setze ich mich dazu in meine Ecke zu Hause, wo das Kreuz, das Marienbild und die Kerze stehen; da fließen dann nämlich gleich noch die Denkimpulse von „oben“ dazu. Oder ich kann einen Brief an diese Person schreiben und ihn ihr entweder geben oder ihn für mich behalten und später eingraben oder in den „Krug“ legen … Oder ich kann für diese Person – so fremd das zunächst vielleicht klingen mag – den Segen erbitten, viele Male am Tag. Mit der Zeit befreit mich das von Gedanken, die sich ständig nur negativ um diese Person drehen. Ich vertraue sie einfach Gott an, und ER arbeitet dann mit seinen „Werkzeugen“ an dieser Person, an mir und unserer Beziehung weiter.

 

Unbeschadet(er) aus Kränkungen herauskommen

Sonja, die jahrelang eine sehr kränkende Mitarbeiterin ertragen hat, ist letztlich an ihr gewachsen, weil sie irgendwann entschieden hat: „Ich lasse mich nicht von dieser Person kaputt machen, nur weil sie die Fehler und Schwächen ihres eigenen Lebens an unserem Team auslassen will!“ Sonja gibt hier einige Punkte weiter, die sie im Lauf der Zeit entdeckt hat und die ihr geholfen haben, sich nicht mehr von den üblichen Kränkungen den Tag verderben und das eigene Selbstwertgefühl „treten“ zu lassen.

 

  • Ich gestehe mir die Kränkung ein: Ja, das hat mich getroffen! Nur dann kann ich nach Lösungen suchen.

  • Bei einer Kränkung halte ich unwillkürlich den Atem an. Es hilft mir, bewusst weiter zu atmen, besonders tief ein- und auszuatmen. Ich komme dadurch wieder zu mir, festige mich innerlich, werde selbst wieder kraftvoller.

  • Bewegung hilft mir, aus der Starre der Kränkung herauszufinden. Zum Kopierer gehen, Fenster putzen, eine Runde um den Block drehen, im Garten arbeiten.

  • Ich stelle Distanz her, nicht Beziehungsabbruch. Bei Distanz verlasse ich für den Moment das Feld – mit der Aussicht, wieder zurückzukehren. In der Distanz kann ich entscheiden: Was ist mein Anteil an dieser schwierigen Situation und welche Schuld ist nicht die meine – und deshalb lade ich sie mir auch nicht auf?!

  • Rache ist nicht süß, sondern schädigt im Endeffekt mich selber. Hinter meinem Wunsch nach Rache steckt Wut und Ärger. Das tue ich mir nicht an.

  • Die Dinge nicht zu persönlich nehmen. Ich bin zwar wichtig, aber nicht alles, was passiert, hat etwas mit mir zu tun.

  • Ich übernehme die Verantwortung für meine Gefühle und meine Befindlichkeit. Nicht der andere, ich selbst entscheide frei, was mich kränkt und was nicht.

  • Ich werte mich nicht ab, sondern sehe bewusst meine guten Seiten. Gott hat mich geschaffen – und ihm unterlaufen keine Fehler. Also ist es wohl gut so, wie ich bin. Ich lasse mich von ihm ansprechen durch diese Situation. Er geht mit mir da hindurch und wird mir neue wichtige Erfahrungen mit ihm und für mein Leben schenken.

Aus: BEGEGNUNG, Zeitschrift aus Schönstatt für Frauen, 1/2014

www.zeitschrift-begegnung.de


 

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