Foto: Gerhard Frassa / pixelio

Aufbruch zu mehr Liebe

Claudia Brehm,


Wie jeden Monat treffen wir uns als Gruppe: fünf Frauen um die 40 und zwei um die 50. Unser verheißungsvolles Thema: „Aufbruch zu mehr Liebe und größerer Lebenskraft“. Wie sehr es diese unsere Lebensphase in sich hat, spüren wir alle. Es „grummelt“ in uns, wir suchen nach „mehr“, wir spüren deutlich: In uns sind Bereiche, die wir bisher noch nicht entwickelt haben. Ein Neuaufbruch steht an – aber wohin und wie? Wir wollen keinesfalls den Absprung in neue Weiten verpassen oder das innere „Grummeln“ als negative Krise werten.

 

Anita, unsere Floristin, drückt dieses Gefühl in Farben aus: „Schluss mit dem ewigen Braun und Grau und Schwarz und Beige – viel zu langweilig. Ich will die farblosen Zeiten, in denen ich oft tat, was andere von mir erwartet haben, hinter mir lassen. Alles geht seinen gewohnten Gang – zu gewohnt –, es ist kein Esprit, keine Frische, keine Kreativität mehr da. Ich will mich an neue Farben heranwagen. An Rot: Herz, Wärme, Lebensfreude, Vitalität, Leidenschaft, Intensität ... Oder an Blau: Weite, frischer Wind, neue Ideen, Mut zum Ausprobieren ... Oder an Grün: Naturverbundenheit, Mut zum Rückzug in die Stille, Lebenskraft, Wachstum, eingefahrene Denkmuster aufbrechen, Entscheidung ...“ – Ines hakt ein: „Entscheidung, genau! Ich spüre zurzeit sehr deutlich: Weil ich eine anstehende Entscheidung nicht treffe, ist mein Leben farblos, eng und mühsam geworden.“ – „Von welcher Entscheidung sprichst du?“, fragt Anne. „Von der Entscheidung, wegzuziehen aus unserem umgebauten Haus, weil ich es mit meiner Schwiegermutter nicht aushalte.“ Betroffenes Schweigen. Ab diesem Moment läuft der Abend ganz anders, als er vorbereitet war.

 

Was nervt – und was helfen kann

Zuerst erinnern wir uns nochmals an Regel Nummer 4 unseres Gruppenlebens: „Wir sprechen über niemanden negativ, sondern immer so, als wenn er bei uns wäre.“ Mit diesem Grundsatz haben wir in unserer 6-jährigen Gruppenlaufbahn immer gute Erfahrungen gemacht.

 

Ines beginnt vorsichtig: „Ich möchte nicht, dass ich lehrmeisterhaft erklärt bekomme, wie ich Brot zu backen habe, wann ich die Außentreppe zu wischen habe und dass ich meine Kinder zum Leer-Essen der Teller anhalten soll. Das sind Dinge, die ich – und nur ich – entscheide. Ich bin doch kein Kind mehr.“

 

„Es sind die Grenzen, die wir immer und immer wieder bereden müssen, die Zaunpfosten, die immer neu gezogen werden müssen“, meint Brigitte. „Das spüre ich bei mir. Und je näher wir zusammen wohnen, desto mehr ‚Zaunpfosten‘ sind es, damit wir gut miteinander leben können. Wir dürfen davon ausgehen, dass die Schwiegermutter es nicht böse, sondern gut meint, wenn sie uns Backtipps, Wischtipps und so weiter gibt. Dass diese Tipps bei uns als Einmischung ankommen und wir uns dadurch klein gemacht fühlen, ahnt sie sicher gar nicht.“ „Also, müssen wir reden und es ihr ehrlich, aber freundlich sagen“, schließt Anne. „Ja, aber wie geht das, ohne dass es sofort zum Streit kommt? Ich schweige dann immer, anstatt zu reden und denke, sonst ist sie vielleicht beleidigt“, meint Klara. „Warum denn?“, fragt Anita. „Ich darf doch sagen: ‚Ich bekomme jedes Mal schlechte Gefühle, wenn du mir sagst, ich soll die Treppe wischen; dadurch komme ich mir klein gemacht vor. Ich werde die Treppe, wenn ich es schaffe, jeden Montag wischen, am Wochenende stehen zu viele andere Dinge an. Ich wollte dir das einfach nur sagen. Danke für dein Verständnis – ich weiß, dass du es nicht böse gemeint hast.“ „Mmh! Hört sich nett an“, erwidert Klara. „Aber was tue ich, wenn sie sagt: ‚Du kannst die Treppe unmöglich am Montag wischen, die muss am Samstag gewischt werden, damit sie sonntags sauber ist – was sollen denn die Leute denken?!‘“ Brigitte: „Wieder freundlich deine Grenzziehung bekannt geben: ‚Weißt du, mir sind die Kinder wichtiger als die schmutzige Treppe und als das, was die Leute denken könnten. Später werde ich mich nicht fragen, ob meine Treppe am Sonntag sauber war, aber ich werde mich fragen oder gefragt werden, ob ich Zeit hatte, um für die Kinder da zu sein und etwas mit ihnen zu unternehmen, ob ich ihnen Ruhe, Fröhlichkeit und ein sicheres Zuhause vermittelt habe.’ Uns hat das Grenzen-Ziehen gegenseitig weiter gebracht. Auch meine Schwiegermutter hat dadurch gelernt, ihre Grenzziehungen einzufordern: „Ich möchte nicht, dass jemand an mein Rosenbeet geht ...“ und so weiter.

 

Mein Mann steht hinter mir!

„Etwas ist mir bei dem ganzen Thema besonders wichtig“, meldet sich Marion zu Wort. „Dass mein Mann zu mir und hinter mir steht. Das war bei uns nicht immer so. Er meinte, zwischen meiner Schwiegermutter und mir vermitteln zu müssen. Es war ja auch eine unangenehme Situation für ihn: zwischen zwei Frauen zu sitzen und die Lunte am Pulverfass austreten zu müssen. Er wollte es sich mit keiner verderben – und verdarb es sich dann jedes Mal mit beiden. Anders ist das ja auch gar nicht möglich in der Konstellation. Mein Mann hat verstanden, als ich ihm erklärte, wie sehr es mich verletzt, wenn er nicht zu mir hält und wie ich – wenn er seine Vermittlungsversuche startet – Aggressionen auf ihn bekomme. Ich bräuchte ihn als starken Mann, den ich bewundern und an dessen Stärke ich mich anlehnen möchte ... Inzwischen sagt er bei entsprechenden Spannungen: ‚Mutter, wir haben da einen etwas anderen Stil entwickelt im Vergleich zu dem, wie du es machst, und wir fahren gut damit.‘ Oder: ‚Wir möchten gern unsere eigenen Erfahrungen damit machen. Wir schätzen es sehr, wenn du uns diesen Spielraum lässt. Danke!‘“

 

Mehr Liebe und größere Lebenskraft

Silvia erzählt: „Für uns wurde das gegenseitige Verhältnis in dem Moment besser, als ich mir klar machen konnte: Meine Schwiegermutter ist nicht meine Feindin, sie ist im Moment die Frau der Abschiede. Ihre Kinder gingen in den letzten sieben Jahren alle aus dem Haus, ihr Mann ist gestorben, ihre geliebte Halbtagsstelle ging an eine Jüngere über, sie kann nicht mehr so powern wie noch vor zwei Jahren ... Sie hat es verdient, dass ich mich ehrlichen Herzens mit ihr unterhalte, auch über ihren Sohn und die Enkel hinaus. Wir sind doch beide Frauen; da gibt es doch auch noch andere Themen, die uns verbinden, nicht nur das Schwiegermutter-Schwiegertocher-Verhältnis. Aus dieser Erkenntnis ergab sich, dass wir einmal die Woche etwas zusammen unternehmen. Ich spüre, wie das unserer Beziehung gut tut, weil es sie ein Stück weitet.“

Ines meint nachdenklich: „Anita, hast du vorhin nicht von der Farbe Grün gesprochen? Grün für: eingefahrene Denkmuster aufbrechen? Ich dachte immer, das gelte nur für andere. Aber heute Abend habe ich den Eindruck, dass das auch für mich gelten könnte. Ich werd‘ in den nächsten Tagen mal in mich gehen und die Beziehung zu meiner Schwiegermutter neu überdenken.“

 

Die andere Perspektive

Als ich nach Hause komme, hält der Heilige Geist noch eine spezielle Überraschung für mich bereit. Meine Freundin Bärbel, gerade 70 geworden, ruft aus 500 Kilometern Entfernung an und erzählt: „Stell dir vor, wir wollten heute Abend Gruppe machen über den Heiligen Geist: wie man ihn beschreiben kann, wo er uns in unserem Leben schon begegnet ist. Du wirst kaum glauben, worum es dann eigentlich ging!“ „Lass hören“, sage ich, „ich habe keine Ahnung.“ „Wir haben den ganzen Abend über das Thema Schwiegertöchter geredet! Was sagst du dazu?“ Ich bin „platt“ und denke nur: „Schade, dass wir nicht zusammen Gruppe gemacht haben! „Zu welchem Schluss seid ihr denn gekommen?“, hake ich ein. „Vergällen wir euch arg das Leben?“ „Aber keineswegs“, antwortet Bärbel. „Wir können einiges voneinander lernen! Das war jedenfalls unser gemeinsames Fazit heute Abend.“

 

Du bist ganz anders – und das ist gut so

Und dann erzählt sie: „Also, alles wiederzugeben, was wir geredet haben, das schafft mein älter werdendes Gehirn nicht mehr. Aber das, was mir am wichtigsten ist, das sitzt noch.

Schwiegermutter und Schwiegertochter, das ist eine Beziehung, die wie kaum eine andere verlangt, miteinander statt übereinander zu reden. In der Regel gehen beide Seiten stillschweigend und wie selbstverständlich davon aus, dass die jeweils andere gleich denkt, gleich redet, gleich empfindet, gleich geprägt ist wie sie selbst. Doch das ist ein riesiger Irrtum. Die jeweils andere kommt aus einer völlig anderen Familie mit ganz anderen Prägungen, anderen Werten, einem anderem Gesprächsstil, einer anderen Art, mit Konflikten umzugehen und so weiter. Anders sein heißt nicht schlechter sein. Ich darf mit gesunder, fröhlicher Neugier an die ‚neue Person‘ heran gehen und Fragen stellen, anstatt Urteile zu verhängen. Linda, die reiche Erfahrung mit ihren fünf Schwiegertöchtern hat, erzählte so nett: Ich habe mir angewöhnt, anstatt abschätzig und vorwurfsvoll zu sagen: ‚Wie macht denn die das?‘ fröhlich zu fragen: ‚Ach interessant, wie du das machst!‘ Meist kommt es dann zu einem kleinen Gespräch, durch das ich besser verstehe, warum sie das und jenes so macht, und ich lerne noch etwas dazu oder denke zufrieden: Ja, für sie passt dieser Weg; meiner wäre es nicht!‘

 

Ich überlasse dir den ersten Platz

Und der zweite Punkt“, fährt Bärbel fort, „wahrscheinlich ist es sogar der erste: Wir lieben unsere Söhne. Wir haben lange Zeit eine wichtige oder die zentrale Rolle für sie gespielt. Jetzt heißt es, zurücktreten und den ersten Platz charmant seiner Frau zu überlassen. Und damit geht gleichzeitig einher, dass ich keine ungebetenen Ratschläge gebe und akzeptiere, dass vieles anders werden wird. Mein Sohn und seine Frau müssen jetzt aus ihren zwei Wegen ihren ureigenen gemeinsamen Weg finden – und der wird mit Sicherheit anders aussehen, als ich mir das vorstelle. Aber dieser Weg muss deshalb nicht schlechter sein als der Weg, den ich gegangen bin; nein, er wird besser sein, weil es IHR Weg sein wird.“

 

Das Gute sehen und benennen

Und einen dritten Punkt führt Bärbel aus: „Therese hat uns noch etwas Wichtiges gesagt. Der Schwiegermutter-Blick richte sich vielleicht zu oft auf das Trennende. Zum Beispiel: Muss ‚die‘ alles anders machen?! Sogar den Pflaumenkuchen, den mein Sohn doch von mir so gern gemocht hat, weil ich ihn nach dem Rezept von Großmutter gebacken habe. Und jetzt isst er ihren Pflaumenkuchen scheinbar mit Wonne, obwohl der nicht halb so gut schmeckt wie meiner ... Sie erzählte, dass sie durch die Gottesmutter gelernt habe, den Schwiegermutter-Blick auf das Verbindende statt auf das Unterscheidende zu richten und ihre Schwiegertochter zu loben, wo es nur ginge. Im Gebet ‚O meine Königin …‘, wo es heißt: ‚… weihe ich dir heute meine Augen‘ würde sie jedes Mal besonders um diesen ‚Goldblick‘ bitten.“

 

Herz und Blick neu frei bekommen

„Das sind ja tolle Ergebnisse“, antworte ich auf Bärbels Bericht. „Die muss ich den Frauen meiner Gruppe unbedingt weitergeben. Diese Punkte könnten ja echt viel dazu beitragen, das überall beschworene schlechte Verhältnis zwischen Schwiegermüttern und Schwiegertöchtern nachhaltig zu verbessern. Wie sehr hätten dann beide ‚Parteien‘ wieder Herz und Blick frei für die Vielfalt der Farben und die Fülle des Lebens!

Aber weißt du, Bärbel, was wir heute Abend in unserer Gruppe überhaupt nicht bedacht haben? Wir selbst werden ja auch mal zu Schwiegermüttern. Es ist sicher gut, schon mal frühzeitig darüber nachzudenken – und dann sehen wir als heutige Schwiegertöchter vermutlich auch schon manches anders.“

 

Mein letzter Gedanke an diesem Abend: Wohltuend unberechenbar und voll die Kreativität anregend wie immer: dieser Heilige Geist – das eigentliche Thema, mit dem Bärbels Gruppe sich heute beschäftigen wollte.

 

Aus:BEGEGNUNG, Zeitschrift aus Schönstatt für Frauen, 3/2014,

Zeitschrift Begegnung


 

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