Foto: K. Glas

Über die Katastrophe reden

Klaus Glas,


Nach den Terroranschlägen in Paris mit mindestens 129 Toten und mehr als 350 Verletzten hat die Unsicherheit in Familien zugenommen. Kinder brauchen nach einer Katastrophe die Zuwendung von Erwachsenen in besonderer Weise. Wie sollen Eltern reagieren, wenn ihre Kinder mit den Bildern im Fernseher konfrontiert werden?

 

Der Einfluss des Fernsehers

Seit den 1960er Jahren haben Soziologen und Psychologen auf den Miterzieher TV hingewiesen. Alle wichtigen Ereignisse der Welt sind auf Knopfdruck verfügbar. Der Fernseher ist auch im Zeitalter des Internet das einflussreichste Medium geblieben. Ein Großteil der Fernsehsendungen, die Kinder sehen, ist für Erwachsene bestimmt. Bis zum zehnten Lebensjahr können Kinder das Gesehene nur schwer begreifen, weil ihnen wichtige geistige Fähigkeiten fehlen, so der US-amerikanische Entwicklungspsychologe Paul H. Mussen.

 

Kinder haben natürlicherweise ein großes Mitgefühl mit den Opfern. Sie fühlen sich hilflos, wenn sie Nachrichten und Sondersendungen über Katastrophen anschauen, bei denen Menschen ums Leben gekommen sind. Der bekannte Jugendforscher Klaus Hurrelmann ist der Ansicht, dass „Bilder des Grauens“ für Kinder ungeeignet sind. Er empfiehlt Vätern und Müttern, ihre Jungen und Mädchen bis zum Alter von acht Jahren auf keinen Fall alleine vor dem Fernseher sitzen zu lassen.

 

Mit Kindern über die Katastrophe sprechen

Die 12-jährige Carla weint, als sie auf dem Bildschirm mit ansieht, wie Menschen aus einer Konzerthalle in Paris ins Freie fliehen und sich hernach umarmen und schluchzen. Die IS-Terroristen hatten während eines Konzertes ein Blutbad angerichtet. Es ist schlimm, wenn ein Kind realisiert, dass einige wenige Täter über Hundert Menschen in wenigen Minuten einfach erschossen haben. Wie können Menschen so böse sein?

 

Eltern sollten mit ihren Kindern „viel, viel reden“, meint der Soziologe Hurrelmann. Naturkatastrophen und technische Katastrophen, wie das schwere Zugunglück in Eschede 1998, verursachen bei den Hinterbliebenen und Helfern viel Schmerz. Noch größer ist das Entsetzen bei „man-made disasters“, menschlich verursachten Katastrophen: Mord, Folter, Terroranschläge.

 

Soll man mit Grundschülern, die gerade mal ihren Namen schreiben können, über derart belastende Dinge sprechen? Ja! Aus der therapeutischen Arbeit mit den durch den Nationalsozialismus traumatisierten Familien ist bekannt, dass Opferkinder dazu neigen, an der Sprachlosigkeit ihrer Eltern zu erkranken. Über schlimme Dinge zu sprechen ist fast immer besser, als darüber zu schweigen. Allerdings kostet es auch Mut, die eigene Vermeidung als Vater oder Mutter zu überwinden. Viele Kinder fühlen sich entlastet, wenn sie erfahren, dass Angst und Hilflosigkeit normale Reaktionen auf schreckliche und bedrohliche Ereignisse sind.

 

Bei schweren Ereignissen in der Heimatregion oder einer weltbewegenden Katastrophe, wie dem jüngsten Terroranschlag, sollten Eltern und Kinder gemeinsam die Nachrichten hören und sehen. Wichtig ist, direkt im Anschluss an den Fernseh-Bericht eine halbstündige Familienkonferenz abzuhalten. Das jüngste Kind darf beginnen. „Kannst du mir sagen, was du eben gesehen und gehört hast? Was ist da passiert?“ Jeder der Kinder darf etwas sagen, keiner muss etwas sagen.

Jedes Kind ist anders. Es ist sicher gut, wenn Vater und Mutter an diesem Abend ihr sensibles Kind besonders umsorgen. Ein Kind weint schnell, ein anderes kann schlecht einschlafen, weil es noch über das Gesehene nachgrübelt. Vielleicht möchte das Jüngste in dieser Nacht lieber zwischen Papa und Mama einschlafen; es braucht Schutz und das Gefühl, bei den Eltern geborgen zu sein.

 

Als Familie ein Zeichen der Solidarität setzen

Der Psychologe Georg Piper, der die Hinterbliebenen der Explosions-Katastrophe im Braunkohlebergbau Borken 1988 betreute, beschreibt in einem Buchbeitrag, wie die gemeinsam erlebte Katastrophe ein großes Solidaritätsgefühl unter Angehörigen und Anwohnern erzeugt hat. Eine weltweite Solidaritätswelle entstand nach den Terroranschlägen in Amerika 2001. Schon die Erstklässler in den Grundschulen gedachten damals der Terroropfer durch eine Schweigeminute. Für Kinder einer mir bekannten Familie war diese Erfahrung so beeindruckend, dass sie beim Abendgebet eine weitere Schweigeminute abhalten wollten. So andächtig und ruhig war es in dieser Familie lange nicht mehr. Danach haben alle das „Vater unser“ gebetet - für alle Opfer und jene Kinder, die bei dem Terroranschlag ihre Eltern verloren haben.

 

Ein Licht der Hoffnung entzünden

Vielleicht haben manche Eltern am Abend der Tragödie im Zorn geäußert, man solle die verantwortlichen Hintermänner zur Rechenschaft ziehen und am besten erschießen. Was sollen die Kinder von ihren Eltern denken? Sie können auch davon lernen! Nämlich, dass Wut und Zorn natürliche kurzfristige Reaktionen auf starke Bedrohungen sind.

Aber - und das müssen die Kinder auch hören - langfristig kann man durch die Haltung des „Auge um Auge“ das Böse nicht besiegen. Stattdessen kann man sich an einem Wort des heiligen Paulus orientieren: „Vergeltet niemand Böses mit Bösem! Seid allen Menschen gegenüber auf Gutes bedacht!“ (Röm 12, 17)

 

Es ist sicher gut, wenn Vater oder Mutter, diese Grundhaltung ihren Kindern auch persönlich mitteilen: „Weißt du, ich hatte im ersten Moment solche Angst um uns, dass ich ganz wütend wurde. Am liebsten wäre mir gewesen, wenn die Soldaten die Täter, die den Anschlag verübt haben, getötet hätten. Aber das wäre keine Lösung. Manche Terroristen berufen sich auf Gott, wenn sie töten und sich selbst in die Luft sprengen. Aber Gott ist in Wirklichkeit bei den Menschen, die ein Familienmitglied durch den Anschlag verloren haben.“


 

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