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In positive Energie umwandeln

Claudia Brehm,


Warum habe ich nur so aggressiv auf Bärbels Anruf reagiert? Warum hab‘ ich auf einmal rot gesehen, als Achim mir angstvoll seine Fünf in Mathe gezeigt hat, und habe ihn so runtergeputzt? Warum habe ich meinem Mann gestern diese aggressive Bemerkung vor die Füße geworfen – er hatte mich doch nur freundlich verbessert?

 

Immer wieder werden wir überrascht von der Intensität eines hochexplosiven Gefühlsgemischs und sind negativ berührt, wenn wir erkennen, wozu wir in solchen Momenten fähig sind. Verunsichert und voller Schuldgefühle beschließen wir dann, dass so etwas nicht nochmals vorkommen darf – im selben Moment schon wissend, dass es irgendwann wieder passieren wird. Gerade im Familienleben kommen wir schnell an unsere Grenzen, werden leicht lieblos und aggressiv, schreien je nach dem unsere Kinder an und leiden dann darunter, so ungeduldig und verständnislos reagiert zu haben. In solchen Augenblicken fühlen wir uns als unfähige Mutter und verurteilen uns selber hart.

 

Sind Aggressionen nur schlecht?

Von seiner Wortbedeutung her ist Aggression etwas sehr Positives. Es bedeutet: heranschreiten, sich nähern, eine Sache in Angriff nehmen, an etwas herangehen. Schon hier hört man den „handelnden Charakter“ heraus, das aktive, das gestaltende Element. Aggressionen können uns Kraft geben, etwas Neues anzupacken. Sie können helfen, Wege zu neuen Horizonten zu beschreiten. Sie treten in der Regel dann auf, wenn wir unsere Selbstgestaltung und Selbstverwirklichung von anderen bedroht fühlen. Eigentlich sind sie wie ein „Navi“ in uns: Sie signalisieren, wo sich anstehende Veränderungen anbahnen könnten. Und für Veränderungen brauchen wir Kraft – Kraft, die Aggressionen herbeischaffen können.

 

Wenn in einer Beziehung etwas nicht stimmt, wenn etwa mehr Nähe oder mehr Distanz gewünscht wird, werden oft Aggressionen eingesetzt, um die Beziehungen in Bewegung zu bringen. Denken Sie nur daran, wie Sie sich fühlen, wenn Sie sich ausgenützt erleben. Werden Sie nicht aggressiv? Beginnen Sie nicht ein inneres Zwiegespräch: „Was glaubt der eigentlich?! Das wäre ja noch schöner!“ Oder: „Wenn sie meint, dass ich nochmals helfe, dann hat sie sich aber geschnitten!“

Aggressionen können auch vor Gefahren schützen. In gefährlichen Situationen entwickeln wir ungeheure Kräfte, weit über das Normalmaß hinaus. Eigentlich bin ich kein guter, schneller Sprinter, aber wenn mein Kind Richtung Fahrbahn läuft, bin ich „wieselschnell“ hinter ihm her und reiße es zurück.

 

Aggressionen als Signale, um anstehende Veränderungen zu erkennen

Wenn Aggressionen in mir hochkommen, darf ich im Grunde dankbar sein. Denn sie zeigen mir deutlich: Diese oder jene Sache solltest du in Angriff nehmen. Hier wurden deine Gefühle verletzt; du darfst reagieren.

Dass wir Aggressionen heute oft so negativ ansehen, hängt meiner Meinung nach damit zusammen, dass wir bei den nachfolgenden Schritten, die gefordert sind, oft „daneben“ liegen.

 

Menschen gehen oft passiv-aggressiv oder aktiv-aggressiv miteinander um. Beide Reaktionsarten helfen jedoch nicht, die Disharmonie in unserem Gefühlsleben zu beheben. Während passiv-aggressive Menschen schmollen, schweigen, sarkastische Bemerkungen machen, nörgeln oder körperlich mit Kopf- und Bauchschmerzen, Appetitlosigkeit oder übermäßigem Essen reagieren, haben aktiv-aggressive Menschen jähzornige Wutausbrüche, sie brüllen, schütteln, treten, schlagen, zerstören oder greifen mit Worten an, z. B. durch Unterstellungen oder Herabwürdigen einer Person. Mein Cousin sagte immer: „Wenn der Teller dann auf den Boden fällt und zerspringt, geht es mir wieder gut, denn dann habe ich ein Ventil gefunden!“ Egal ob passiv-aggressiv oder aktiv-aggressiv: Meist zerstören wir durch unsere „Entspannungstechniken“ nicht nur Teller, sondern Beziehungen – und es braucht lange, bis sie wieder intakt sind.

 

So, wie ich einen Dampfdruckkessel, der zischt und kurz vor der Explosion steht, nicht dadurch ungefährlich mache, dass ich ihn unter eine Decke stecke, kann ich auch meine aggressiven Gefühle nicht einfach unter den Teppich kehren. Entzündete Böller macht man nicht dadurch unschädlich, dass man sie in die Hosentasche steckt; dann richten sie nur noch mehr Schaden an. Wenn Ärger und Aggressionen einfach weggedrückt werden, nehmen wir uns ein Stück Lebendigkeit weg.

Wie also mit Aggressionen umgehen, so dass sie mir Kraft geben, meinen Weg, einen neuen, guten Weg aus dem Konflikt zu gehen, anstatt bald wieder in derselben Sackgasse zu landen?

 

Stress als Ursache von Aggressionen

Nicht der positive Stress, der uns fordert und anstachelt, etwas zu leisten, sondern der negative Stress, der durch permanente Überforderung ausgelöst wird, macht aggressiv. Ständige Medienberieselung mit Negativ-Nachrichten, ein überhöhtes Lebenstempo, eine Überfülle durch die Möglichkeiten der Konsumgesellschaft, das ständige Entscheiden-Müssen, was ich will und was nicht, lässt unseren Stresspegel steigen.

 

Eigentlich weiß ich, dass mein kleiner Sohn langsam ist, und es ist okay so. Aber wenn ich jetzt doch schnell weg muss, kann er sich da nicht mehr beeilen? Und schon nörgle ich an ihm herum oder schreie ihn an – was mir niemals passiert wäre, hätte ich einen freien Mittag vor mir.

 

Als unser großer Sohn etwa 14 war, hatte er ein geflügeltes Wort für meine Stresszustände: „Muttern braucht mal wieder Urlaub!“ Und damit traf er ins Schwarze. Es musste nicht der „richtige“ Urlaub sein, aber eine kurze Atempause, irgendein Stressblocker, ein kurzer Stille-Raum im Alltagsgetriebe: das „versunkene“ Betrachten meines lachs-roten Rosenstrauches, ein Stoßgebet, eine angezündete Kerze, ein kurzer Mittagsschlaf, das tiefe Durchatmen auf dem Weg ins Büro …Viel Stress verfliegt, wenn wir innerlich stille Menschen werden. Von außen wird das niemand an uns herantragen, dafür müssen – besser: dürfen – wir selbst sorgen. Wir selbst haben es in der Hand, ob unser Tag stressig wird oder nicht. Es sind nicht die Umstände, denen wir – scheinbar – willenlos ausgeliefert sind.

 

Schuldgefühle und zu hohe Erwartungen als Ursache für Aggressionen

Viel wird von uns erwartet, und noch viel mehr erwarten wir selbst von uns. Wie oft meinen wir, allen gerecht werden zu müssen. Aber müssen wir das? Bei dem ständigen Versuch, es allen recht machen zu wollen, werden wir leicht unzufrieden und dann aggressiv. Die Aggressionen sagen uns dann: „Überfordere dich nicht, setze Prioritäten!“

 

Schuldgefühle entstehen aus der Kluft zwischen meinem Ideal und der erlebten Wirklichkeit. Wie können wir damit umgehen? Ich werde nie die alte Dame vergessen, die ich bei einem Praktikum im Pflegeheim kennen lernen durfte. Immer, wenn solche Schuldgefühle sie anflogen, sagte sie: „So, Kindchen, jetzt kommen wieder die Unechten, die Nutzlosen – die lassen wir hier liegen und verdorren!“

 

Echte Schuld macht dann aggressiv, wenn ich sie in einem Meer von Selbstrechtfertigungen und falschen Entschuldigungen zu ertränken suche. Dann muss ich alle anderen schuldig sprechen, um von mir abzulenken. Diesen Schuldgefühlen komme ich nur bei, wenn ich sie ans Licht und an die Luft lasse. Ich darf sie eingestehen, bei dem Menschen, an dem ich schuldig geworden bin, und, wenn das nicht möglich ist, bleibt uns immer noch die Beichte, diese hervorragende Einrichtung der katholischen Kirche. Hier darf ich spüren: Ich habe durch meine Schuld das Seil zerschnitten, an dem Gott mich an sich festgemacht hat. Aber er ist begeisternd schnell bereit, das Seil wieder zusammenzuknüpfen. Und der Knoten, der jetzt entsteht, ist kein Mangel in unserer Beziehung, sondern dadurch bin ich meinem Schöpfer nun nur noch näher; das Seil ist durch den Knoten ja kürzer geworden.

 

Wenn ich weiß, wann und wodurch bei mir Aggressionen entstehen, habe ich schon eine erste Möglichkeit, gewinnbringend mit ihnen umzugehen.

 

Neubewertung einer Situation

Hilfreich ist es meist, spontane Reaktionen zurückzustellen. Die bekannte Regel – tief einatmen und auf drei zählen – will dazu ermuntern. Sie hilft ebenso, bisherige Muster, die mir nicht weiterhalfen, langsam zu „verlernen“ und neue, rentablere an ihre Stelle zu setzen.

 

Oft liegen hinter Aggressionen meine wahren Bedürfnisse verborgen, an die ich sonst gar nicht herankomme. Warum macht es mich aggressiv, dass mein Mann ständig zu spät von der Arbeit kommt? Ich möchte mehr Zeit mit ihm verbringen, fühle mich vielleicht überfordert, wenn alle Arbeit zu Hause an mir hängen bleibt. Wenn ich dieses Bedürfnis entdecke, kann ich ihm sagen: „Ich vermisse dich. Kannst du nicht etwas ändern an diesem Arbeitsrhythmus?“ Kenne ich das dahinter liegende Bedürfnis nicht, nörgle ich vielleicht nur herum: „Immer kommst du zu spät; nie hast du Zeit für mich!“ Das ist natürlich nur wenig förderlich für unsere Beziehung und würde ihn sicher nicht motivieren, früher heimzukommen zu seiner „Nörgelfrau“. Nörgeln ist destruktiv und blockiert. Wir dürfen lernen, uns entweder mit einer Sache oder Person einverstanden zu erklären, oder kundig unzufrieden zu sein, so dass wir den Ärger nützen können, um Situationen zu verändern.

 

Meine Kinder und ihre Aggressionen

Die Suche nach den wahren Bedürfnissen, die sich hinter Aggressionen verbergen, ist sehr hilfreich, um sorgsam mit den Aggressionen unserer Kinder umzugehen; sie erzählen uns von der derzeitigen Seelenlage unseres Kindes. Ist es überfordert in der Schule oder zu Hause? Kommt es zu wenig zum Zug? Hat es das Gefühl, nicht gebraucht, geliebt oder geschätzt zu sein? Wird es gemobbt? Fühlt es sich nicht anerkannt von einem bestimmten Lehrer? Braucht es mehr Ruhe, mehr Raum für Kreativität, mehr Zeit für sich? Hat es zu viele Termine, die es wahrnehmen muss und die es aus dem Gleichgewicht bringen? Braucht es dringend weniger Computerzeit? Computerzeit produziert nicht nur Aggressionen, wenn das Kind aggressive Spiele spielt, sondern auch bei allen anderen Spielen. Das lange Sitzen, das konzentrierte Starren, die fehlende Möglichkeit, selbst kreativ werden zu können und stattdessen der Maschine und dem Programm ausgeliefert zu sein, macht ebenso innerlich aggressiv. Eigentlich müssten unsere Kinder nach jedem Computerspiel erst mal eine Weile raus in den Garten oder eine Runde joggen, um die Stresshormone im Körper wieder abzubauen.

 

Ganz wichtig ist es für unsere kleinen Kinder, ihre Aggressionen „rauslassen“ zu dürfen und mit unserer Hilfe ins Wort zu fassen. „O, ich sehe der Wutdrache sitzt auf dir. Wo spürst du ihn? O, hier auf der Schulter! Ist der groß! Und hier sitzt sein Schwanz, der um sich schlägt (tretende Beine festhalten und dann Bewegung mitmachen). Hier am Mund, da will er gleich Gift und Galle spucken. Das ist ein riesiges Tier. Wo fühlst du ihn noch? Was will dir der Wutdrache sagen? Was ärgert ihn denn so?“

 

In Kürze zusammengefasst

Ich bin eine gute Mutter – obwohl, ja, weil ich Aggressionen habe! Aggressionen legen den Finger auf die Bereiche, die ich bearbeiten darf, damit es mir besser geht. Ich darf achtsam sein, wo und wann die Aggression hochsteigt, um nicht überrumpelt zu werden. Ich darf klar meine Bedürfnisse ausdrücken, denn nur wenn andere sie kennen, können sie sich auch danach richten. Ich darf Gott mein Herz und meine inneren Stimmen zur Klärung und Heilung hinhalten. Ich darf üben, Fehler zu machen und nochmals von vorne anzufangen – und bin trotzdem, ja gerade deshalb, eine gute, eine fähige Mutter, die allerbeste Mutter für meine Kinder. Denn: Hätte es eine Bessere gegeben, hätte Gott sie gewählt. „Nicht großen Glauben brauchen wir, sondern den Glauben an einen großen Gott!“ (Hudson Taylor)

 

Aus: BEGEGNUNG, Zeitschrift aus Schönstatt für Frauen, 4/2012

www.zeitschrift-begegnung.de

 


 

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