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Intuition - ein vergessenes Land

Claudia Brehm,


Früher gab es Tage, vielleicht auch Wochen, in denen durch Krisensituationen unsere Gedanken rotierten und uns keinen Moment des Tages und der Nacht zur Ruhe kommen ließen. Heute scheint dieser Ausnahmezustand Normalität geworden zu sein. Junge wie alte Menschen klagen über den Stress, der deutlich zugenommen habe. Vor 20 Jahren war es noch schick, über Stress zu klagen – auch wenn man gar keinen hatte –, einfach um sich wichtig zu fühlen. Heute wären wir froh, wir wüssten, wie wir das „ewige Hamsterrad“ zurückdrehen könnten, denn wir fühlen uns wirklich gestresst. Die Wartezimmer der Ärzte sind voll, Erschöpfungssyndrome nehmen zu, Fehlerquoten häufen sich, obwohl jeder sein Bestes geben möchte. Das Gefühl der Überforderung ist zum Krisensymptom unserer Gesellschaft geworden.

 

Ständig heraufbeschworene Katastrophenstimmung – und ihre Wirkung

Vor 20 Jahren gab es Katastrophen in größeren Abständen, zum Beispiel die Hungersnot in Somalia oder das Unglück von Tschernobyl. Heute scheinen Katastrophen an der Tagesordnung zu sein. Eine Katastrophe – das ist etwa die Vogelgrippe oder eine Spielzeit ohne Meisterschaftstitel für Bayern-München, wenn die Waschmaschine kaputt geht oder das Reaktorunglück in Japan. Sehr vieles wird als Katastrophe bezeichnet, auch Erscheinungen, die gar keine Katastrophen im eigentlichen Sinn sind, nur damit die Sensationslust der Leser befriedigt wird und die Absatzmärkte der Zeitungen erhalten bleiben. Vor 20 Jahren lasen wir die Schreckensnachrichten einmal täglich in der Zeitung und hörten sie abends noch mal in der Tagesschau. Heute nehmen wir sie x-mal am Tag aus den verschiedensten Medien auf und sehen unzählige Bilder dazu, die sich tief in unser Unterbewusstsein eingraben.

 

Folgen des ständigen „On-Seins“

Das Aufeinandertreffen von persönlichen Überforderungsgefühlen und dauernder Aufgeregtheit durch irgendwelche aktuellen Schreckensnachrichten halten uns in einem ständigen Katastrophenmodus. Dadurch sind wir körperlich und seelisch auf äußerstem Anspannungsniveau. Da eine Katastrophenmeldung die andere ablöst, kann die notwendige Bewältigungsphase, in der normalerweise wieder Ruhe einzieht, kaum noch eintreten. Wir bleiben durchweg im Stress-Modus, ohne zwischendurch wieder herunterfahren zu können. Die Folgen dieser Daueranspannung sind irgendwann nicht mehr zu übersehen bzw. zu „überspüren“, körperlich und seelisch.

 

Eine bittere Folge dieser Entwicklung ist der langsam fortschreitende Verlust unserer intuitiven Fähigkeiten. Im Unterbewusstsein jedes Menschen liegen Wissensschätze, aus denen er täglich schöpft, normalerweise ohne es zu merken. Es ist dieses un- und unterbewusste Wissen um Zusammenhänge, ein Wissen, das sich oft nicht in Worten greifen lässt, das sich aber Ausdruck verschafft in unzähligen kleinen Entscheidungen des Alltags. Wir wissen eben mehr, als wir denken. Wenn uns dieses innere Wissen – unsere Intuition – verloren geht, verlieren wir mit der Zeit auch unsere innere Sicherheit, unsere Entscheidungskraft – und das in einer Gesellschaft, in der ständig Entscheidungen getroffen werden müssen, weil immer mehr zur Disposition steht und kaum noch etwas als verbindlich vorgegeben wird.

 

Die Kraft der Intuition

Der Psychotherapeut Michael Winterhoff hat diesen Zusammenhang herausgestellt. In seinem Buch „Lasst Kinder wieder Kinder sein“ schreibt er: „Dabei bräuchten wir alle diese innere Ruhe, weil sie für ein angemessenes Verhalten in menschlichen Beziehungen, gerade auch zu Kindern und Jugendlichen, unerlässlich ist. Wer ruhig ist, sich ganz ‚bei sich selbst‘ fühlt, kann intuitiv richtig handeln, weil er sich vom äußeren Druck viel seltener zu Fehlhandlungen verleiten lässt. Mit Intuition ist dabei der Ausgangspunkt ruhigen und sinnvollen Handelns gemeint.“

 

Ruhiges und sinnvolles Handeln scheinen immer weniger möglich zu sein – wie denn auch, wenn es kaum noch Zonen gibt, in denen wir nicht erreichbar sind. Die technischen Errungenschaften wie Handy, iPhone, iPad … sind für einige Gebiete sicher sehr hilfreich, aber niemand hat uns gelehrt, wie fatal sie sich auf unsere Lebensqualität und die unserer Kinder auswirken können, wenn wir dem Umgang mit ihnen keine Regeln entgegensetzen und nicht nachdenken, wann ihr Einsatz sinnvoll ist und wann sie anfangen, uns zu knebeln. Als absolute Neuheit, als unbedingt notwendig beworben und von vielen gekauft, verstärken sie das „Hamsterradgefühl“ und bringen unsere Psyche weiter in Richtung Burnout, denn jetzt haben wir unsere Rückzugsmöglichkeiten vollends verloren und beginnen, uns vor der eintretenden Ruhe zu fürchten. „Ich will gar keine Stille“, sagte neulich eine Frau zu mir. „Wenn ich mal im seltenen Ruhe-Modus angekommen bin, beginnt ein innerer Tumult. Ich habe Angst davor, abzuschalten, weil sich dann meine Gedanken im Kreis drehen und von allen Seiten Unbearbeitetes auf mich einstürzt.“

Rückkehr zu innerer Ruhe funktioniert oft nicht mehr, weil wir nicht mehr gewohnt sind, auf uns selbst zu schauen, unser Lebensgefühl und unser Verhalten zu reflektieren und Rückschlüsse zu ziehen. Unsere vernachlässigte Psyche ist dafür nicht mehr gerüstet.

 

Hilfe, ich kann nicht mehr entscheiden

Warum Intuition so wichtig ist, beschrieb schon Albert Einstein: „Wer intuitiv handelt, wird meist die richtige Richtung einschlagen und die für ihn richtige Entscheidung treffen.“ Menschen mit Intuition haben sich an einem Punkt festgemacht, sie kommen aus ihrer inneren Mitte. Der Verlust der Mitte, der durch die ständige „Katastrophenatmosphäre“ droht, verhindert, dass wir unserer Intuition genügend Raum geben. Wir alle haben jeden Tag eine Vielzahl von Entscheidungen zu treffen. Aber das weite Feld, das wir überall vorfinden – im Supermarkt, bei der Entscheidung für den neuen Computer, bei der Auswahl der weiterführenden Schule … –, überfordert uns und hat als Reaktion immer öfter ein Nicht-Entscheiden zur Folge, einfach aus Angst, die falsche – vielleicht nicht-perfekte – Entscheidung zu treffen. Hier ist Mut gefordert: Mut sich manchen Entscheidungen gar nicht erst auszusetzen – weil ich nicht alles kaufen muss, was angeboten wird.

 

Freie Zeit – lästiges Übel, statt Motor in neue Freiheit

Freie Zeit ist die Abwesenheit von Stress, von der Vorgabe, etwas Bestimmtes tun zu müssen. Sie sollte eine Zeit sein, in der ich mir selbst genüge und in der eventuell aufkommende Langeweile zu Muße führen darf. Unsere Kinder kennen das Gefühl von Muße nicht mehr – und wir selbst nur noch entfernt aus alten Zeiten: als ich am Weiher saß und einfach nur den Enten zuschaute, als ich unter der Weide im Gras lag und die Bienen summen hörte ... Freie Zeit macht dem heutigen Menschen Angst, sie wird leicht mit Faulheit verwechselt – und Faulheit muss verhindert werden. Kinder, die über Langeweile stöhnen, werden schnellstens mit vielen Beschäftigungsvorschlägen zugedeckt, greifen dann zum iPad, Computerspiel oder Gameboy (den wir Eltern ihnen kaufen, damit sie bei den langen Autofahrten Ruhe geben, statt dass wir Spiele mit ihnen machen oder einfach aus dem Fenster schauen oder miteinander reden – Zeiten der Muße eben).

Ich finde es immer wieder beglückend, zu erleben, auf welche Ideen Kinder kommen, wenn klar ist, dass die mitgebrachten iPhones, Gameboys und so weiter auf den Schrank kommen und mal „ohne alle Technik“ gespielt wird. Da entstehen plötzlich wieder Verwandlungsspiele rund ums Baumhaus, ein Lehmofen zum Würstchenbraten, Geräte aus Haselnussstangen – und als Begleiterscheinung: hochrote, intensiv konzentrierte glückliche Kindergesichter.

 

Was können wir Erwachsene dem Zugriff der Technik entgegensetzen? Seit einem Monat rufe ich abends keine E-Mails mehr ab; um diese Zeit ist der Computer tabu. Er hatte es nämlich nicht nur geschafft, die Feierabend-Atmosphäre zu vertreiben, sondern sie gar nicht erst aufkommen zu lassen. Seither sind meine Einschlafprobleme behoben, denn nach dem Lesen eines Buches oder einem kleinen Spaziergang ist der Körper eher auf Ruhe eingestellt als nach dem Abarbeiten von 20 wichtigen E-Mails.

 

Susanne berichtet von einer ähnlichen Erfahrung: „Das Wecken per Radiowecker haben wir abgeschafft, wir werden wieder vom Piepsen eines batteriebetriebenen kleinen Weckerchens wach. Mit Radiowecker bekam ich morgens um 6 Uhr ungefragt schon gleich die ganze Last schlechter Tagesnachrichten auf die Schultern gelegt, die schon Stress auslösten, obwohl ich noch gar nichts getan hatte. Bei der Autofahrt zur Firma um 7.00 Uhr höre ich wieder keine Nachrichten, sondern eine Musik-CD oder genieße die Stille. Seither starte ich mit einem freieren Kopf und um einiges tatkräftiger in den Tag.“

 

Unsere Kinder im Spannungsfeld der Überforderung

Kinder haben von Natur aus ein inneres Gleichgewicht, das aber von äußeren Einflüssen und übermäßigem Druck leicht gestört werden kann. Nicht umsonst reagieren Kinder so wütend und genervt, wenn sie in ihren Beschäftigungen rüde unterbrochen und zu anderen „wichtigen Terminen“ geholt werden. Das ist nicht nur der Unmut über andere Prioritäten, sondern das Leid, aus dem inneren Gleichgewicht gezerrt zu werden.

 

Wenn wir einmal im Geiste unseren Tag mit den Kindern durchgehen, sehen wir schnell, wie oft wir in Gefahr sind, sie zu drängen, etwas von ihnen zu fordern, ihnen nicht genau zuzuhören, wenn sie erzählen möchten. Das soll keine Schuldzuweisung sein. Niemand kann und wird Eltern vorwerfen, ihre Kinder absichtlich Stress auszusetzen, im Gegenteil, es gab vielleicht nie eine Elterngeneration, die sich so für ihre Kinder aufgerieben hat. Michael Winterhoff bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: „Trotz vieler guter Vorsätze und überdurchschnittlichem Engagement fehlt den Eltern das, was das Leben mit Kindern unter anderem so wertvoll macht: genießen zu können, wie ein Kind sich entwickelt, wie es positiv durchs Leben geht und Freude bereitet.“ Wir sind in Gefahr, allen Bildungsangeboten hinterher zu rennen, anstatt zu sehen, dass Ruhe und tragfähige Bindungen von und zu verlässlichen Eltern erst das Klima schaffen, in dem später dann auch Bildung gelingen kann.

Ein klar abgegrenztes Gegenüber, an dem es sich orientieren kann, hilft dem Kind, seine Psyche gesund zu entwickeln. Mit ständig nervösen, dauernd getriebenen, auf dem „Katastrophenmodus“ schwimmenden Eltern gelingt es dem Kind nicht, zwei ganz wichtige Eigenschaften fürs Überleben zu lernen:

 

Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden

Damit nicht alle Eindrücke auf sie einstürzen und sich so vermengen, dass entscheidende Dinge nicht wahrgenommen werden können. Die Kinder wirken dann, als wenn sie nicht zuhören könnten oder an nichts interessiert wären.

 

Zusammenhänge erkennen

Kinder sind durch den Druck der Erwachsenen oft zu früh Stress ausgesetzt, den die Psyche nicht verarbeiten kann. Sie erleben damit ein Spannungsfeld ständiger Überforderung. Dabei bräuchten sie Struktur, Ruhe, gesichert gleiche Abläufe, um sich stabil zu entwickeln. Das wissen wir eigentlich intuitiv, aber die Intuition geht uns Stück für Stück verloren.

 

Wie finden wir zu unserer Intuition zurück?

Den Hebel des Katastrophen-Modus umlegen. Ich muss nicht alles gehört und gesehen haben. Nicht jede Katastrophe, von der berichtet wird, wächst sich zu einer Katastrophe aus. Ruhig bleiben und den Medien nicht mein Ohr zur Dauerberieselung leihen.

 

Ruhezonen einplanen, in denen es wirklich ruhig um mich herum ist: der Mittagsschlaf, die Heimfahrt von der Arbeit im nachrichtenlosen Auto, ein kurzer Waldspaziergang als Übergang in den Feierabend.

 

Mir bewusst machen, dass meine Psyche sich zunächst mal zur Wehr setzen wird, wenn ich anfange, aus dem Hamsterrad auszusteigen. Unbewusst tendiert sie dazu, den Stress-Modus aufrecht zu erhalten. Jetzt kommt es auf mein Durchhaltevermögen an. Ich darf mir Schlüsselerlebnisse suchen, von denen ich annehme, dass sie mir gut tun: der Waldspaziergang, das Buch, das Entspannen auf der Liege, das Zum-Fenster-Rausschauen, das einfache Nichtstun. Nachdem ich mir „Meines“ ausgewählt habe, tue ich es. Die ersten Male wird nicht viel Ruhe dabei einkehren. Erst durch das wiederholte Dranbleiben wird sich ganz langsam etwas verändern. Nach längerer Zeit werde ich die Stille genießen können und zu innerer Ruhe und zu mehr Intuition zurückfinden. Das, was wir von unseren Kindern in der Schule verlangen: üben, üben und nicht locker lassen, bis der Erfolg sich einstellt, dürfen wir hier bei uns selbst anwenden.

 

Hilfreich ist es auch, Gott, unserem Schöpfer, der jede von uns so wunderbar gestaltet hat, unsere Sehnsucht nach innerer Ruhe und Getragensein hinzulegen. Dass wir uns einfach hinsetzen und uns von ihm lieben und beruhigen lassen. Wir sind nicht alleingelassen. Er wartet auf uns und will uns zu uns selbst – in unsere innere Mitte – zurückführen.

 

Aus: BEGEGNUNG, Zeitschrift aus Schönstatt für Frauen, 3/2012

www.zeitschrift-begegnung.de


 

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