Bei Quarten, Schweiz. Foto: K. Glas

Manager-Minuten


Wie Pater Kentenich mit Stress umging

 

Die Arbeitsleistung von Pater Kentenich war über Jahrzehnte hinweg unglaublich, und das, obwohl er über weite Strecken hinweg körperlich krank und schwach war; erst die Entbehrungen im KZ Dachau erlebte er als Hungerkur, die ihn auch körperlich so gesund machte, dass er danach erklärte, bis zum Ende seines Lebens keine Ferien mehr zu bedürfen. Als jedoch ein Mitbruder es ihm gleichtun wollte, mahnte er ihn dies nicht zu versuchen, denn sein Maß an Arbeit übersteige das menschlich Mögliche. Von Burn-out war bei ihm aber nichts zu spü­ren. Dass diese seelische Gesundheit und Leistungsfähigkeit eine tiefe Beheimatung in Gott voraussetzt ist klar, doch das allein reicht nicht. Es gibt Menschen, die tief religiös sind, aber dennoch wegen subjektiver Überforderung (Burn-out) pausieren müssen.

 

Frei von „Nebengeräuschen“

Pater Kentenich begründete seine Leistungsfähigkeit unter anderem einmal damit, dass er „frei von allen Nebengeräuschen“ war. Das bedeutet eine ungeteilte Aufmerksamkeit für das Gegenüber. Da ist nichts was ablenkt, was ‚stört‘, was ‚noch im Hinterkopf steht‘. Sich somit ganz dem Gegenüber zuwenden. Personen, die ihn persönlich erlebt haben, erzählen, dass Pater Kentenich auch Jahre nach einer persönlichen Begegnung den Gesprächsfaden genau an dem Punkt wieder aufnehmen konnte, an dem man Jahre zuvor geendet hatte.

 

Aus der Mitte leben

Wenn man die Person Pater Kentenichs und sein Arbeitspensum betrachtet, das er tag­täglich hatte, betrachtet, erkennt man, dass er aus einer tiefen Mitte gelebt hat. Ob im Konzentrationslager oder in anderen men­schenfeindlichen Milieus: Sein Leben kreiste ständig um den Dreifaltigen Gott und die Gottesmutter. Aus dieser Mitte hat er gelebt und zu dieser Mitte ist er immer wieder zurückgekehrt, ganz besonders in extremen Arbeitsbelastungen – psychischer und phy­sischer Art.

 

Es gibt ein weiteres Beispiel aus der Milwaukeezeit in den USA. Eine Frau war damals in einer sehr intensiven Arbeitsphase und erzählte Pater Kentenich, dass sie kurz vor dem Zusammenbruch wäre und nicht mehr könnte. Wir würden heute Burn-out sagen. Sie war ständig unterwegs und überall gab es viel Arbeit und Treffen und Dinge, die geregelt werden mussten. Sie war an dem einen Tag im nördlichsten Teil der Region und am anderen Tag im Süden – also stän­dig unterwegs – und manchmal mit wenig oder fast gar keinem Schlaf und fast keiner Erholung zwischen den Treffen. Dann mein­te er dazu, dass die Arbeit nicht weniger wird, aber dass sie in der Bewältigung der einzelnen Aufgaben immer wieder zu ihrem Mittelpunkt zurückkehren sollte, zu ihrem Platz, zu sich selbst, aber auch zu Gott und der Gottesmutter kommen, um dort „inne“ zu halten und aufzutanken beim lieben Gott. Diese Rückkehr zur Mitte, zu Gottvater, zu Jesus Christus, zur Gottesmutter, schenkt Ruhe, Sicherheit und Geborgenheit – auch wenn tagtäglich die Wogen über einem zusammenbrechen und wir selbst zu zer­brechen drohen. Er meinte dann noch, dass man wissen sollte, wo ich geerdet, wo ich geliebt und geborgen bin, wo ich meine gei­stige Heimat habe.

 

Ausatmen beim lieben Gott

Diesen Rat hat er nicht nur dieser Frau gege­ben, sondern selbst immer wieder eingeübt. Es gibt viele Zeugnisse aus Milwaukee, aber auch aus der Zeit im Konzentrationslager Dachau, wo er ganz beim lieben Gott war. Viele Menschen, die ihn erlebt haben, spre­chen von einem Absorbiertsein und ganz auf Gott Hinbezogensein, den Blick auf die Gottesmutter im Heiligtum gerichtet. Und dieses „Ausatmen beim lieben Gott“ hat er natürlich in seinem festen Tagesablauf ein­geplant und gesichert, und diesen täglichen Blick nach „oben“ hat er versucht, auch sei­nen Lebensgemeinschaften weiterzugeben. Wir stellen immer wieder fest, dass Pater Kentenich ein Meister des Zeitmanagements war – ganz aus seiner geistigen Mitte, dem Kontakt mit Gott. Er hatte für viele Menschen Zeit, aber seine persönliche Gebetszeit, seine „Manager-Minuten“ tagtäglich, waren die Zeiten, die er sich auch genommen hat und danach waren wieder die anderen Menschen dran.

 

Eigentlich ist es eine tagtäglich Übung im Alltag – auch in einem Managerkalender – diese fünf oder zehn Minuten einzubauen und einzuüben. Sich in diesem Moment innerlich zu sammeln, in seine Mitte zu kom­men, damit man nicht zerrissen wird. Es gibt auch ganz praktisch Anwendungen, in denen ich schauen sollte, wie die Gewichtungen in meinen Lebensbereichen aussehen. Konkret: Wie viel Zeitraum nimmt meine tagtäglich Berufsarbeit ein? Wie viel Platz bleibt für Familie, oder Telefonate, Kontakte? Habe ich Zeit für Hobbies oder Sport? Wie viel Raum schenke ich meinem Glauben? … Dies ist deshalb so wichtig, damit die Arbeit nicht alles in unserem Leben ist und wir uns nicht nur aus Arbeit definieren, sondern aus unse­rem Mensch-Sein, aus unserer Bezogenheit zu Gott und zu unseren Mitmenschen.

 

Melanie und Ulrich Grauert, Schweiz

www.ikaf.de

Aus: unser weg, Schönstatt Familienmagazin 1/2013

 


 

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