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Too blessed


Wie ein Ansteckbutton zu einem Perspektivenwechsel verhilft

Vor einigen Jahren habe ich von einer Freundin einen runden Ansteckbutton geschenkt bekommen, der nun in einer Büroschublade darauf wartet, mich hin und wieder aus meinem Alltag zu reißen. Etwas kitschig, und schon ganz schön mitgenommen, stellt er einen großen Smile dar und trägt die Aufschrift „Too blessed to be stressed“ („Zu gesegnet, um gestresst zu sein“). Ein kleines Wortspiel mit Tiefgang, das mich oft aus meiner Alltagsspirale heraus herausreißt ...

 

Wir stehen unter Druck

Das Lebensgefühl des Dauerstresses, Gelebtwerdens und der Überforderung ist in unserer Gesellschaft so ausgeprägt wie nie zuvor. „Burnout“ ist zu einem geflügelten Wort und einer Art Volkskrankheit geworden, die Zahl der Diagnosen der Erschöpfungsdepression steigt deutlich an. Oft haben wir das Gefühl, unser Leben trotz maximaler Anstrengung einfach nicht mehr selbst im Griff zu haben. Es gibt heute eine nahezu unbegrenzte Auswahl an materiellen Dingen, Berufsmöglichkeiten, Freizeitgestaltung, und so weiter. Dadurch stehen wir aber auch ständig vor Entscheidungen: Kaufe ich dieses oder besser jenes, melde ich mich für diesen Kurs an, oder ist ein anderer besser? Verpasse ich hier etwas? Langsam aber sicher wächst das Gefühl, sich um alle Bereiche des Lebens aktiv kümmern zu müssen, denn es scheint: Nur so kann man mithalten und das Optimum für sich herausholen.

 

Ein Beispiel: Unser altes Telefon hat neulich seinen Geist aufgegeben. Gut, dachte ich, wir bestellen einfach den aktuellen Nachfolger unseres Modells ... Nach einem Blick ins Internet war schnell klar, dass es ein „einfaches“ Modell dieser Art nicht mehr gibt, und nachdem wir uns eine Stunde mit über 30 Produkten derselben Marke beschäftigt haben, hatten wir genug. Am nächsten Tag besuchten wir einen kleinen Elektroladen in unserer Stadt und haben zwischen drei Modellen gewählt. Zehn Minuten später hatten wir ein neues Telefon ... Weniger Auswahl, weniger Verzettelung, schnellere Entscheidung und damit mehr Zeit für Wichtigeres. Wir waren sehr froh, dass wir dieses Mal nicht versucht haben, das technisch Beste zu finden.

 

Rollenübernahme und Rollenverlust

Ähnlich ist es mit den Rollen, die uns von Gesellschaft und Medien vorgegeben werden. Da ist der erfolgreiche Mann, der regelmäßig auf Dienstreise geht und eine glückliche Ehe führt. Oder die strahlende Karrierefrau, die ausgeglichen von der Arbeit ihre Kinder in der KiTa abholt und nebenbei noch die perfekte Ehefrau und Mutter ist. Solchen Anforderungen können viele nicht gerecht werden und zerbrechen oft daran. Man erlebt sich trotz aller Anstrengung als gescheitert und un-fähig. Viele „brennen aus“, weil sie keine eindeutig definierte Rolle mehr haben. Nicht nur die steigende berufliche Belastung, sondern auch die alltäglichen Anforderungen sind so hoch gesteckt, dass wir total überfordert und unzufrieden sind.

Ratgeber über Zeitmanagement und erfolgreiche Lebensführung haben einen Absatz wie noch nie. Wir strengen uns in allen Bereichen noch mehr an, und treten doch auf der Stelle.

 

Was aber ist der Motor, der mich bei meinem Lauf im Hamsterrad auf Hochtouren antreibt? Wenn ich in meiner Sehnsucht nach Anerkennung und dem Gefühl, etwas leisten und vorweisen zu müssen, immer wieder auf Menschen und Gesellschaft setzte, kann ich dabei eigentlich nur schei-tern. Eine andere Sichtweise kann helfen, aus diesem Teufelskreis auszusteigen:



Was mich ausmacht

Was ist die eigentliche Anforderung an mich, was mein individuelles Bild und meine persönliche Sendung? Ich habe nur ein Leben und möchte nicht am Ende darauf zurückblicken und merken, dass ich nur verschiede Rollen ausgefüllt habe und mein Leben an der wahren Bestimmung vorbeigegangen ist. Dieses mag vielleicht sogar mit großem Erfolg geschehen sein – nur war es eben nicht MEINE mir von Gott zugedachte Rolle. Es geht darum, Werte zu schaffen, die Bestand haben, und nicht bei der ersten kritischen Prüfung verpuffen.

 

Sehnsüchte als Wegweiser

Eine Hilfe kann sein, meine Sehnsüchte zu erspüren und ihnen nachzugehen. Wohin soll mein ganz persönlicher Weg führen? Was ist meine ganz eigene Aufgabe, die ich erfüllen soll?

 

Wenn ich mit einem Martha-Herzen meinen Alltag gestalte und so versuche, die täglichen Anforderungen anzugehen, werde ich nie wie Maria zum Wesentlichen vordringen können. Wenn wir aktiv Ablenkungen, Stress und Wahlmöglichkeiten reduzieren, schaffen wir mehr Momente der Ruhe, um mit uns selbst und mit dem Schöpfer in Verbindung treten zu können. Nein-Sagen und Grenzen setzen. Ruhemomente schaffen, um meine innere Stimme hören zu können. Was will ich eigentlich? Was ist in mich hineingelegt? Kreativität und Schöpferkraft erfordern ein Hineinhören in die Stille. Auch eine äußere Ordnung schafft innere Ordnung. In einem Chaos, das uns ständig aufzeigt, was wir noch alles zu erledigen haben, können wir nur schwer zur Ruhe kommen und uns auf das Wesentliche konzentrieren.

 

Inseln der Auszeiten suchen

Meine Großmutter hatte vier Kinder und pflegte zudem noch ihre Schwiegereltern. Mein Großvater war beruflich viel unterwegs und so hatte sie ein sehr arbeitsreiches Leben. Viele Frauen ihrer Generation haben oft Unglaubliches geleistet, was vielen von uns jungen Frauen heute als unzumutbar erscheint. Wie haben sie das alles nur geschafft? Meine Oma sagte mir einmal mit einem Augenzwinkern, „Was meinst Du, warum so viele Frauen immer in der Kirche waren? Es war die einzige Gelegenheit, um einen Moment der Ruhe zu bekommen. Eine kurze Zeit nur für sich und den Schöpfer.“ Ich glaube, dass wir solche Momente alle dringend brauchen. Sie sind wichtiger als alle Zeitpläne und Ablaufsoptimierungen. Wir brauchen wertvolle Zeit mit uns selbst. Zeit der Ruhe, des Nachdenkens und des Gebetes.

 

Unser Bestes geben und Vertrauen

Bei all den Entscheidungen in unserem Alltag dürfen wir das Einfachste und doch Schwierigste nicht vergessen: Gott mit ins Boot zu holen. Und wir dürfen ihn nicht nur dabeihaben, sondern sollten uns auch vertrauensvoll seiner Führung überlassen. Er meint es gut mit uns und wird uns letztendlich nicht überfordern, denn Gott-sei-Dank sind wir alle durch die Taufe „too blessed to be stressed“.


X.

Aus: unser weg, Schönstatt Familienmagazin 1/2013

www.unserweg.com


 

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