Rad, gesehen am Gardasee © K. Glas

Die Crux mit der Balance

Georg Haiber,


Der englische Ausdruck Work-Life-Balance steht für ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Arbeit und Privatleben. Nicht selten aber verfolgt uns die Arbeit in den Familienalltag. Höchste Zeit etwas zu ändern. Mir hilft beispielsweise die geistliche Tagesordnung.

 

Eines Tages trifft ein Jäger den heiligen Evangelisten Johannes mit einem Rebhuhn auf dem Arm, das er streichelte und mit dem er spielte. Der Jäger verstand nicht, wie ein solcher Mann seine Zeit mit so gewöhnlichen Dingen vertun konnte, worauf der Heilige ihn fragte: „Warum trägst du deinen Bogen nicht immer gespannt?“ Der Jäger antwortete: „Wäre der Bogen immer gespannt, hätte er nicht mehr die Kraft zurück zu schnellen, wenn man ihn braucht.“ – „Wundere dich also nicht“, erwiderte der Apostel, „wenn auch ich die angestrengte Aufmerksamkeit des Geistes ein wenig vermindere, um mich zu erholen; nachher kann ich mich umso frischer der Betrachtung widmen.“ Und wann waren Sie das letzte Mal reif für die Insel? Bei mir zeigen das bestimmte Indikatoren an. Meist sind es immer die gleichen unangenehmen Träume: Morgen ist Diplomprüfung, ich habe kaum gelernt und finde ganz wichtige Unterlagen nicht. Oder ich werde in Mathematik an die Tafel gerufen und habe keinen Schimmer, wie ich die Aufgabe lösen soll. Meine Arbeit verfolgt mich Tag und Nacht. Tagsüber bin ich gereizt, mitunter teilnahmslos, nehme Dinge und Personen nur am Rande wahr. Ja manchmal bringe ich sogar die Tage durcheinander, falle also regelrecht aus der Zeit. Ich erinnere mich an ein Ereignis vor Jahren. Der letzte Arbeitstag vor dem Sommerurlaub, und ich hatte noch so viel zu erledigen. Um fünf Uhr wollte ich aufstehen und um halb sieben im Büro in Frankfurt sein. Der Wecker klingelte, aber nach dem Aufstehen fühlte ich mich seltsam schlapp, auf den Straßen kaum Verkehr, und die Ampel an der Kreuzung vor der Autobahn war auch noch nicht in Betrieb. Auch dass es noch immer dunkel war, machte mich nicht stutzig; erst der Verkehrsfunk um 3 Uhr 30 ließ mich hochschrecken. Die Putzfrauen in der Firma staunten nicht schlecht, als ich gegen 4 Uhr 30 an ihnen vorbei eilte.

 

Die Seele braucht Zeit

Im Urlaub angelangt, braucht es eine gewisse Zeit, bis die Seele dem Körper ge folgt ist. Von den Ureinwohnern Australiens wird berichtet, dass sie nach längerem Fußmarsch vor ihrem Zielort für einige Stunden nieder sitzen, damit die Seele Zeit hat, nachzukommen. Der Sinn solchen Tuns erschloss sich mir schmerzlich vor drei Jahren. Wir waren auf Familienkur an der Ostsee. Gleich am ersten Morgen verschwanden die Kinder alle samt in die Betreuung und Mirjam, meine Frau, hatte Arzttermine. Ich hatte also drei Stunden ganz für mich, die ich natürlich optimal nutzen wollte. Ich schwankte zwischen FAZ, einem Roman, Pater-Kentenich-Studien, Joggen oder Baden gehen. Ich kam mir vor wie ein Kind, das man in ein Spielzeuggeschäft führt und sagt: Du hast 20 Euro und zehn Minuten. Such Dir etwas aus. Mein Hirn verkrampfte sich, und ich bekam davon allen Ernstes solche Kopfschmerzen, dass ich drei Stunden tatenlos auf dem Bett lag. Den folgenden Tag begann ich mit Laufen, und ganz allmählich wich in den nächsten Tagen die Anspannung. Seit diesem Urlaub treibe ich wieder regelmäßig Sport. Jeden Morgen um 6 Uhr zehn Minuten Gymnastik, einmal die Woche Fußballspielen und ab und zu Joggen. Das befreit mich und löst Spannungen. Ich habe gemerkt, dass mir Bewegung auch in meinem Arbeitsalltag als Redakteur hilft. Die besten Ideen für meine Texte habe ich, wenn ich unterwegs bin. Ich gehe daher während der Mittagspause öfter spazieren, einkaufen oder zum Schönstatt-Kapellchen in die Gartenstadt. Stift und Notizblock habe ich immer dabei.

 

Unruhestifter Internet

Zum Schreiben brauche ich absolute Ruhe, die ich im Büro leider nur selten habe. Auch das Internet kann sich als Störfaktor entpuppen. Sammle ich beispielsweise für einen Beitrag Informationen im Internet, packt mich die Sammelwut. Ich hüpfe von einem Link zum Nächsten und habe am Ende so viel Material, dass ich mich verzettle. Irgendwann drückt mich der Abgabetermin, und ich werde unruhig. Oft trage ich diese Unruhe mit in den Feierabend. Es fällt mir dann ausgesprochen schwer, am Abend noch etwas Konstruktives anzufangen. Dabei wären so viele Anrufe zu erledigen, so viele Briefe zu schreiben, mit den Kindern müsste man lernen und Hausarbeiten erledigen. Meist bin ich müde, erledige nichts von alledem und schaue mir stattdessen irgendein langweiliges Fußballspiel im Fernsehen an.

 

Arznei gegen den Schlendrian

Da mir der Herr das Talent der Strukturiertheit versagte, bin ich um jeden festen Rahmen dankbar. Deshalb schätze ich eine geregelte Arbeitszeit. Meist bin ich gegen neun im Büro und bleibe mit besagten Unterbrechungen bis 18 Uhr. Der Abend und die Wochenenden sind für die Familie da. Kurz vor Weihnachten hatte ich ein sehr bewegendes Gespräch mit meinem Geistlichen Begleiter. Ich habe ihm von meiner Unstrukturiertheit und meinem schlampigen Umgang mit der Zeit erzählt. Er hat mich auf die Geistliche Tagesordnung aufmerksam gemacht. Warum teilen Sie sich den Tag und die Woche nicht ein? Heute Abend Brief schreiben, morgen Eheabend, übermorgen lesen usw. Vor diesem Hintergrund hatte ich die Geistliche Tagesordnung noch nicht gesehen. Ich habe es probiert, und das schriftliche Festhalten hilft mir, Arbeit und Freizeit besser zu trennen und Struktur in den Tag zu bekommen. Die Geistliche Tagesordnung wirkt gewissermaßen als Arznei gegen meinen Schlendrian. Wenn ich zum Beispiel viel im Internet unterwegs bin, bleibe ich auch des öfteren auf Sport- oder Literaturseiten hängen. Dann lautet mein Eintrag: Heute nicht auf die Sportseite klicken. Das klappt nicht immer. Aber es wird immer besser.

 

Aus: unser weg, Schönstatt Familienmagazin 1/2010

www.unserweg.com


 

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