Stille © Elvira Nink

Hörübungen in der Stille - Wie klingt Gottes Stimme?

Sr. M. Nurit Stosiek,


Ende des Jahres 2005 machte der Film „Die große Stille“ von sich reden. Er zeigt 169 Minuten lang das Leben im Mutterkloster des Karthäuser-Ordens. Die ersten Worte sind nach 20 Minuten der Gesang der Mönche. Keine Filmmusik, keine Kommentare außer einigen deutenden Zwischentexten, weitgehend Stille. Der Film füllte die Kinosäle, wurde mehrfach preisgekrönt, erhielt beste Kritiken.

Stille ‚hat was‘ für uns heutige Menschen. Dabei ist Stille nicht immer angenehm. Sie kann sogar gespenstisch wirken. Man spricht von der „Ruhe vor dem Sturm“, wenn die Natur vor einem bedrohlichen Ereignis ganz still wird. Werbepsychologen wissen es: Stille hemmt den Konsum. Deshalb gibt es in Geschäften vielfach Hintergrundmusik.

 

Hören, was uns wichtig ist

Was suchen wir, wenn wir die Stille suchen? Wir möchten das hören, was uns wichtig ist, wollen hineinhören in uns selbst, „zu uns“ kommen.

Dieses Hören nach innen ist im Alltag nicht so leicht. Denn unser äußeres Gehör ist immer aktiviert. Wie viele Geräusche umgeben uns ständig! Konzentriert lesen, musizieren, uns mit anderen unterhalten können wir ab einem gewissen Geräuschpegel nicht mehr. Wir brauchen Stille, um eigene Gedanken zu fassen und zu erspüren, was wir wirklich wollen. Verständlich deshalb, wenn Kurt Tucholsky formuliert:

 

Lieber Gott, gib mir den Himmel der Geräuschlosigkeit“

Er fügt bei: „Unruhe produziere ich allein. Gib mir die Ruhe, die Lautlosigkeit und die Stille. Amen“. (Kurt Tucholsky)

 

Es geht nicht allein um äußere Stille. Wo wir uns aus der Geräuschkulisse des Alltags zurückziehen, wird es oft im Innern erst richtig laut. Vieles, was man im Alltagstrubel wegdrängte, drängt sich jetzt nach vorn. Da liegt man nachts wach und wird überrollt von dem inneren Getriebe, den unbewältigten Erfahrungen und Fragen, den vielen kleinen Verletztheiten, die man bei Tag weggedrängt, aber nicht verarbeitet hat.

Es gehört seelische Stärke dazu, das auszuhalten und Gott hinzuhalten.

 

Das Gebet, das Jesus selbst uns als sein Herzensgebet anvertraute, kann dazu Kraft geben. Es hilft, die äußere und innere Unruhe immer mehr hinter sich zu lassen und still zu werden, hörfähig für die Stimme Gottes: Das Vaterunser kann uns zu einem zuverlässigen Leitfaden hinein in die Stille werden. Betrachten wir es näher:

 

Gottes Stimme ist die Stimme eines Vaters

Jesus lehrt uns zu beten: „Vater unser im Himmel“. Gott wendet sich uns zu als Vater.

Amerikanische Forscher haben festgestellt, dass Kinder in Stresssituationen schon dadurch ruhig werden, dass sie die Stimme der Mutter am Telefon hören. Ähnliches gilt für die Stimme des Vaters.

Pater Kentenich weist darauf hin: Was im natürlichen Leben Vater und Mutter für ein Kind bedeuten, das lässt der Heilige Geist uns Gott, dem Vater, gegenüber erleben, wenn wir uns in unserem geistlichen Leben von ihm führen lassen.

Um Gottes Stimme zu hören, müssen wir seine liebevolle Vatersorge in unserem Leben erspüren. Jeder Tag gibt nach dieser Richtung Gelegenheit, auch wenn wir scheinbar keine direkten Geschenke Gottes entdecken: Gott zeigt uns auch dadurch seine Güte, dass er uns Tag für Tag vor manchem Schweren bewahrt. Es ist eine Lebensaufgabe, in allem die warme Stimme Gottes wahrzunehmen, der uns Vater und Mutter zugleich sein will. Jedes Vaterunser, das wir in dieser Sehnsucht beten, bewegt den Heiligen Geist, uns diese kindliche Sicherheit zu schenken. – Ein weiteres ist es, was uns das Vaterunser lehrt :

 

Gottes Stimme ist die Stimme des Höchsten

Jesus lässt uns zum Vater beten: „Geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe.“

Dreimal hintereinander werden wir angeleitet, uns von unseren Vorstellungen wegzubewegen und Gott zu sagen: Deine Gedanken will ich hören und daraus leben, deine Pläne sind mir heilig. Du bist der Höchste. Du weißt, was für mich und die Welt das Beste ist.

 

An großen Christen sehen wir, wie sehr diese Haltung uns befähigt, aus den Umständen unseres Lebens Gottes Stimme herauszuhören. Viele von uns kennen das Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen.“ Dietrich Bonhoeffer schrieb es als Häftling der Gestapo zu Weihnachten 1944 für seine Familie, dreieinhalb Monate vor seiner Hinrichtung als Widerstandskämpfer. Dieser innere Friede war Frucht seines Hörens auf die Stimme Gottes. Die Tagebuchnotizen Bonhoeffers zeigen, wie sehr er sich dieses Ja zu Gottes Führungen erkämpfte: 1939, kurz vor Beginn des 2. Weltkriegs, ist er zu einer Vortragsreise in den USA. Man bietet ihm an, dort zu bleiben. Ist es nicht eine Fügung Gottes, dass er sich gerade jetzt hat in Sicherheit bringen können? Bonhoeffer kämpft mit sich, er notiert in sein Tagebuch: „Ich kenne mich nicht mehr aus. Aber Er kennt sich aus.“ An dem Tag, an dem ihm geraten wird zu bleiben, lautet die Bibellosung: „Wer glaubt, flieht nicht.“ Er besucht einen Gottesdienst, der Pfarrer vergleicht das christliche Leben mit der Freude dessen, „der auf dem Weg nach Hause ist.“ Bonhoeffer ist betroffen. Dann kommt die entscheidende Tageslesung, ein Wort von Paulus an seinen Mitarbeiter Timotheus: „Beeil dich, komme noch vor dem Winter“ (2 Tim 4,21). Bonhoeffer kennt den Kontext: Paulus beschwört den Timotheus, für den Glauben einzutreten. Für den jungen Theologen ist es klar, was Gott will. Vierzehn Tage später verlässt er die USA und kehrt nach Deutschland zurück. Er gibt Zeugnis für seinen Glauben bis zum Ende. Der tiefe Friede, der aus seinem Ja zu Gottes Führung kam, tröstet Menschen bis heute, wenn sie seine Worte singen: „Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern, des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus Deiner guten und geliebten Hand.“

 

Ähnliches ließe sich aus dem Leben von Pater Kentenich sagen: Auch er hätte sich vor dem Konzentrationslager retten können, auch er tat es nicht, weil er erkannte: Gott will mich einen anderen Weg führen. Als Gestapohäftling schreibt er nach Schönstatt: Niemand liebt uns so innig wie der Vatergott. „Wir müssen darum sorgfältig darauf achten, dass wir die Pläne Gottes nicht im geringsten stören.“

 

In jedem Leben gibt es Wegbiegungen und Situationen, wo Gott unsere Pläne durchkreuzt. Diese Augenblicke sind entscheidend. Inneren Frieden finden wir, wenn wir mit Jesus auch dann beten lernen: „Dein Wille geschehe.“

 

Ein drittes noch ist wichtig im Suchen nach der Stimme Gottes in unserem Leben:

 

Gottes Stimme ist leise und leicht zu übertönen

In einem seiner Romane lässt Julian Green einen alten geistlichen Schriftsteller sagen: „Weil man allein auf Gott hören muss, darum spricht er leise und wie es ihm gefällt. Das leiseste Geräusch überdeckt seine Stimme.“

 

Wohl deshalb legt Jesus uns im Vaterunser drei Bitten ans Herz, die verhindern sollen, dass unser Inneres sich zu stark mit Dingen beschäftigt, die Gottes Stimme übertönen können:

 

Unser tägliches Brot gib uns heute.“ – Damit ist alles gemeint, was zur natürlichen Existenzsicherung gehört: Arbeit, Essen, Gesundheit, Finanzen. Wir müssen dafür sorgen. Wer aber zu stark darauf fixiert ist, hat kein „Ohr“ mehr für Gottes leise Stimme. Daher lehrt Jesus uns, diese Dinge immer neu der Sorge des Vaters zu übergeben.

 

Weiter heißt es im Vaterunser: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. Wo wir verletzt sind durch das Fehlverhalten anderer oder uns zu sehr hineinvergraben in eigene Fehler, entsteht lautes Nebengeräusch in unserer Seele.

Es ist ähnlich, wie der Dichter Kurt Tucholsky einmal von äußeren unliebsamen Geräuschen schreibt: „Ein Übermütiger hupt fünfzehn Minuten vor einem Haus – ich warte mit ihm. Fräulein Lieschen Wendriner ‚übt‘ etwas, was sie nie lernen wird: nämlich Klavier spielen – ich übe mit.“ (Kurt Tucholsky). Ein einziges Hupgeräusch oder Klavierspiel kann unsere Aufmerksamkeit so binden, dass wir uns auf nichts anderes konzentrieren können.

Genauso ist es mit dem inneren Geräusch des Ärgers über andere oder über sich selbst: Es nimmt uns gefangen. Wir hören Gott nicht mehr. Daher lehrt Jesus uns, auch diese Gnade zu erbitten: anderen vergeben zu können und uns selbst von Gott vergeben zu lassen.

Das dritte, worum Jesus uns beten lehrt: „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“ Die große Versuchung eines Menschen, der innerlich leben will, ist die Flucht nach außen, die Flucht in Zerstreuungen jeder Art, um nicht mit den eigenen Grenzen konfrontiert zu werden. Erlösung liegt darin, dann nicht von Gott wegzulaufen, sondern zu ihm hin wie ein Kind, das in der eigenen Schwäche bei Vater und Mutter Schutz sucht.

 

Pater Kentenich erzählt einmal, jemand habe gesagt: Es kommt darauf an, Gott hautnah im eigenen Leben zu spüren. Er fügt bei, das sei noch viel zu wenig. Wir müssten Gott herznah erleben, tief in unserem Innern. Wer könnte uns besser zu dieser tiefen Beziehung führen als Jesus, von dem es heißt: „Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht“ (Joh 1,18).

 

Lassen wir uns ein auf den Weg, den er uns in seinem großen Gebet, dem Vaterunser, weist: den Weg der Kindschaft vor dem Vater. Denn ein Kind weiß, wie die Stimme des Vaters klingt. Es hört seine Stimme und weiß sich darin geborgen und stark.

 

Aus: BEGEGNUNG – Zeitschrift aus Schönstatt für Frauen, 1/2011

www.zeitschrift-begegnung.de


 

© 2018 Klaus Glas | Impressum | Datenschutzhinweise