© Martina Julier

Unterwegs zum Du

Sr. Gertrud-Maria Erhard,


„Der Mensch wird am Du zum Ich“, sagt Martin Buber. Beziehungen – an erster Stelle die Mutter-Kind- und Vater-Kind-Beziehung, aber nicht zuletzt auch die Beziehung zum Ehepartner – stellen die Weichen für unseren Lebensweg – und für unseren „Himmelsweg“, für die Beziehung zum Du Gottes.

 

„Wenn meine Mutter mir gute Nacht sagen kam“, so erzählt Julien Green in seiner Selbstbiographie aus seiner Kindheit, „stellte ich mich aufrecht in mein Bett und legte ihr die Arme um den Hals. Als ich noch kaum Worte zu formen imstande war, ließ sie mich das Vater unser auf englisch sprechen. Den Kopf an ihre Schulter gelehnt, wiederholte ich die Worte, die sie mir in dem nur matt durch einen vom Salon her einfallenden Lichtschein erhellten Zimmer ernst und langsam vorsprach: Our Father, Our Father – which art in Heaven, which art in Heaven – hallowed be Thy name, hallowed be Thy name ...

 

Ich verstümmelte die Wörter, die ich nicht verstand, dennoch übertrug sich mit diesem gemurmelten Gebet von meiner Mutter etwas auf mich. Das Wesentliche meines Glaubens von heute wurde mir damals in jenem Halbdunkel geschenkt, aus dem die größte Liebe zu mir sprach.“

 

Aus der tiefen Beziehung zur Mutter, die für jeden Menschen die erste und grundlegende Beziehung ist, wächst für Julien Green die Glaubensbeziehung. Nicht weniger wichtig ist die Beziehung zum Vater, eine ebenfalls grundlegende Beziehung. Wenn diese ersten Beziehungen tragfähig sind, fällt es leicht, weitere Beziehungen einzugehen. Wenn sich ein Mensch verliebt, „wird der Beton noch einmal weich“, dann kann das geliebte Du noch einmal etwas in der Tiefe der Psyche berühren, bewegen, ausgleichen – gegebenenfalls auch für den Himmel aufschließen.

 

Beziehungs-Weisen prägen. Erfahrungen menschlicher Liebe lassen sich zum personalen Du Gottes „weiterleiten“.

 

Dies kann durch Worte geschehen wie bei Julien Green im Halbdunkel, es kann aber auch ganz ohne Worte geschehen, einfach durch das Da-Sein und So-Sein.

 

Auch in der besten Beziehung sind allerdings Enttäuschungen irgendwann unvermeidlich. Von Gott her gesehen brauchen sie uns nicht entwurzeln oder aus der Bahn werfen, sondern im Gegenteil, sie laden ein, sich dann umso mehr in die Arme Gottes zu werfen. Daraus erwächst die Kraft, Beziehungen in der Familie auch unter Belastungen durchzutragen. Nicht von ungefähr hat die Familie hier eine Schlüsselstellung, insbesondere in einer Zeit, in der die Scheidungsraten steigen und Beziehungen schon in jungen Jahren wackeln oder zerbrechen. Grundlegende Beziehungen lassen sich aber auch nachholen in späteren Jahren, etwa durch eine glückliche Ehebeziehung oder durch die Beziehung zu einem Menschen, der wie Vater oder Mutter ist.

 

Gott möchte seine Liebe erfahrbar machen durch Menschen. Er „überträgt“ etwas von seinen Eigenschaften auf väterliche und mütterliche Menschen. Je gesünder und vielfältiger das Beziehungsnetz ist, desto leichter gelingt es, aus tiefstem Herzen „Our Father“ zu beten. Dies gibt dann wiederum den Rückhalt, um selber zum tragfähigen Knotenpunkt im Beziehungsnetz für andere zu werden.

Aus: unser weg, Schönstatt Familienmagazin 3/2010

www.unserweg.com


 

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