Foto: Christoph Armbrust

Füll mich neu

Ella Herkommer,


Er kommt, der Blick auf das, was war. Und die Frage, was noch kommen wird. Das Dazwischen gilt es auszuhalten und zu gestalten.

 

Neulich bei der Jahresplanung unserer Themen des Familienkreises von Ehepaaren zwischen 45 und 55 Jahren war ein Wunsch, sich mit den neuen aufkommenden Fragen in der Lebensmitte zu beschäftigen. Eine Frau widersprach, weil sie sich noch gar nicht in der Lebensmitte fühle. Wann ist man in der Lebensmitte angekommen, in der viele Leute, Männer wie Frauen, eine Krise empfinden?

 

Offensichtlich ist das Zuordnen zu den Lebensphasen individuell verschieden, je nachdem, ob man schon größere, noch kleinere Kinder oder gar keine hat. Mit der Kinderfrage ist vor allem bei den Frauen sehr stark ein Umbruch, Neuaufbruch gekoppelt, der nicht selten in eine Krise führt.

 

Zurück und nach vorne

Bei den Schwaben wird der 40. Geburtstag besonders gefeiert, denn da wird man „gscheit“. Ob es daran liegt, dass ich Schwäbin bin, mag dahingestellt sein, aber um meinen 40. Geburtstag herum hat sich mein Blickwinkel verändert: Bis dahin gab es eigentlich nur den Blick nach vorne: Schulausbildung, Studium, Heirat, Kinder, sesshaft werden, Haus, Aufbau der Familie und bestmögliche Begleitung der Kinder in ihrem Heranwachsen. Um die 40 entdeckte ich, dass ich auch eine Geschichte habe, aus der ich lebe und die mein Leben prägt: Da tauchte der Blick zurück auf.

 

Da deutete sich ein Wendepunkt im Leben an, der in den nächsten Jahren noch verstärkt wurde, als die Kinder nach und nach aus dem Haus gingen und die Frage nach der beruflichen Perspektive sich immer stärker aufdrängte: was macht in Zukunft meine Identität aus? Die einigermaßen selbstständige Gestaltung des Lebens als Managerin eines mittleren Familienunternehmens war bedroht, die Zukunft ungewiss. Die Krise deutete sich an.

 

Gefahr und Chance

„Krise“ im Griechischen bedeutet in seinem Ursprung „Zuspitzung, Not, Wendepunkt“. Dazu kommt bei den Frauen das Einläuten der Wechseljahre. Schon das Wort deutet an, dass da ein „Wechsel“ stattfindet: „Nach den Wechseljahren sind Sie eine andere Frau“, sagte mir eine reifere Dame. Tröstlich, aber die „Not“ des Wechsels, die emotionale Herausforderung dabei, die Neuorientierung in der Berufung und damit in der Identitätsfrage ist nicht zu unterschätzen. Im Chinesischen wird das Wort „Krise“ aus den Schriftzeichen für „Gefahr und Chance“ geschrieben. „Krisen stören gewohntes Verhalten und lösen Möglichkeiten für Veränderungen aus. Krisen können das Selbstbewusstsein eines Menschen jedoch auch zerstören, falls keine geeigneten Bewältigungsstrategien gefunden werden“, lese ich in einem psychologischen Kommentar.

 

Machen und geschehen lassen

Welche Bewältigungsstrategien stehen uns zur Verfügung, die Krise zu überwinden? In den ersten Jahrzehnten unseres Lebens waren wir aktiv, haben erlebt, was wir können. Unser Selbstwertgefühl wurde gestützt durch das Anerkannt-Werden und Lob von anderen. Jetzt, in der Krisenzeit des Wechsels, wird aus dem „ich mache“ eher ein „mir geschehe“. Ein Priester in Brasilien ist Ende Mai zum Bischof ernannt worden. Wie die Gottesmutter in der Verkündigungs-Stunde spricht er ihr nach: „Meine Mutter, wenn Du es so gemacht hast, (…) wer bin ich, dass ich einen Wunsch des Papstes, eine Bitte der Kirche, eine Bitte Gottes abschlage? Dann sage ich: Hier bin ich! Möge dein Wille geschehen!“

 

Leere und Fülle

Es geschieht, dass Leerräume entstehen, wenn die Familie kleiner wird, Aufgaben wegfallen. Ich kann sie mit dem Blick der Chance anschauen, dann werden sie zu neuen Freiräumen für mich. Ich beobachte bei einer Freundin, dass sie dabei ist, ihre Wohnung zu leeren: Was sich in den Jahrzehnten angesammelt hat an Dingen, Einrichtung, Bücher, Kleider, Ausstattung im Haushalt … Was man ja irgendwann noch brauchen könnte! Sie hat keine Kinder und es ist jetzt auch klar, dass keine mehr kommen. Diese Lebensphase ist ab - geschlossen und sie schafft sich neue Freiräume, indem sie ihr Leben „entrümpelt“. Auch Gewohnheiten kann man entrümpeln und Gefühle wie Hass und Ärger weglassen.

 

Eine Frau in den Wechseljahren erlebt Emotionen anders, reifer, subtiler, weniger extrovertiert. Die alte Haut passt nicht mehr, sie wird abgelegt und die Frau nach dem Wechsel erscheint in einem neuen „Gewand“, oft im wahrsten Sinn des Wortes. Ein Sprichwort sagt: „Wer loslässt, hat die Hände frei für Neues.“ Es sind sehr oft die zupackenden Hände – und sie werden immer mehr zu den leeren, hinhaltenden Händen, die gefüllt werden: „Herr, füll mich neu …“

 

Ein Gedicht von Werner Bergengrün kann uns durch diese Krisenzeit begleiten und sie als Reifungsprozess verstehen helfen.

 

Liebt doch Gott die leeren Hände

und der Mangel wird Gewinn.

Immerdar enthüllt das Ende

sie als strahlenden Beginn.

Jeder Schmerz entlässt dich reicher,

preise die geweihte Not.

Und aus der geleerten Schale

nährt dich das geheime Brot.“

 

Aus: unser weg, Schönstatt Familienmagazin 3/2012

www.unserweg.com


 

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