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Schenken macht reich

Vom befreienden Vorgang des Loslassens

 

Unsere große Familie war nicht reich; wir hatten zwar immer genug zu essen und wir litten nie Mangel. Aber sparsam ging es schon zu: Alte Kleider wurden für die Kinder umgenäht, an Fastnacht gingen die Nachbarskinder als Cowboy verkleidet und wir suchten uns alte Klamotten zusammen, Süßigkeiten gab es nur, wenn Besucher etwas mitbrachten. Die Weihnachtsgeschenke waren eher nützlicher Art, etwa ein neues Hemd oder Strümpfe. Viele Dinge, von denen die Schulkameraden erzählten, gab es bei uns nicht. Aber trotzdem: Arm fühl­ten wir uns nicht.

 

Keinen Lohn erwarten

Um ein klein wenig Geld zu verdienen, tru­gen wir auf den Dörfern das Sonntagsblatt, den Kirchanzeiger, das Missionsheft und so weiter aus. Unsere Hauptquelle für Geld und Süßigkeiten waren die Wochen vor Ostern und Weihnachten. An Ostern wurde der Jahresbeitrag für die Zeitschriften ein­gesammelt und dafür durfte man an den Haustüren klingeln. Da gab es gute und schlechte Häuser. Bei den einen gab es Süßigkeiten und ein Trinkgeld, bei anderen gar nichts. Während der Fastenzeit sparten wir Kinder uns diese Süßigkeiten vom Mund ab. Jedes Kind hatte eine Fastendose. Eines Jahres schlug Vater uns vor, die gesammel­ten Süßigkeiten den Kindern einer armen Familie zu schenken. Zwar hatten wir uns auf Ostern gefreut, denn ab Karsamstag 16 Uhr durfte man in die Dose greifen; aber gut, wir machten mit und brachten unsere süßen Schätze zu dieser Familie. Wir Kinder hatten Jubelgeschrei erwartet, aber es war irgendwie komisch, sie schienen sich gar nicht zu freuen. Wir hatten ja keine Belohnung erwartet, wohl aber Freude. Aber vielleicht waren sie ja auch nur über­rascht. Bereut haben wir „die gute Tat“ trotzdem nicht. Eigentlich hatten wir uns durch die Selbstüberwindung ein Stück weit selber belohnt.

 

Nicht nur vom Überfluss geben

Zweimal im Jahr fanden die großen Kirchensammlungen statt: Misereor und später Adveniat. Unser Pfarrer machte tüchtig Werbung und beschrieb eindrücklich die Not der Menschen in der Dritten Welt. Im Kirchanzeiger wurde dann das Sammelergebnis bekannt gegeben, es waren vielleicht 1.500 DM. Irgendwann plagte ich meinen Vater so lange, bis er mir verriet, was er in das Spendenkuvert gelegt hatte. Es waren 150 DM gewesen. Nun konnte ichdamals schon ein wenig rechnen: In unserer Gemeinde gab es etwa 200 Häuser und wenn jede Familie … von denen viele wohlhabender waren … Sie wissen schon! Er schärfte mir ein, dass Schenken ganz anonym sein müsse, dass niemand davon erfahren dürfe; nicht einmal meine Geschwister haben bis heute davon erfahren. Gott könne und werde für uns sorgen, indem er zum Beispiel eine reiche Ernte schenke. Er sagte auch, dass es ein Leichtes sei, etwas vom Überfluss abzugeben, aber eigentlich sollte es etwas mehr sein als nur aus dem Überfluss heraus. Wir hatten damals noch kein Auto, aber für 30 DM konnte man ein Auto volltanken. Noch heute bewundere ich meinen Vater wegen seiner Großzügigkeit, und dies bei aller persönlichen Anspruchslosigkeit für sich selbst. Als der Vater starb, wurde das Erbe aufgeteilt. Alle Kinder verzichteten freiwil­lig auf einen Teil ihres bescheidenen Erbes, um demjenigen der Geschwister, welches das elterliche Anwesen übernahm, einen guten Start zu ermöglichen. Unter den Geschwistern und den Angeheirateten der Familie gab es bis heute nicht eine einzige Auseinandersetzung oder Diskussion über Geld oder Erbe – dafür haben die Eltern vom Himmel aus gesorgt, das ist unsere Überzeugung, auch eine Art Reichtum.

 

Schenken macht nicht ärmer

Eine befreundete Familie war eine Zeitlang ziemlich knapp bei Kasse; sie hatten ein Haus gekauft, vier Kinder kamen relativ kurz hintereinander, die Frau war bei den Kindern zu Hause, und so musste je-der Cent umgedreht werden. Manchmal wussten sie nicht, ob das Geld bis zum Monatsende reichen würde. Sie hatten aber an einigen Stellen immer wieder etwas ge-spendet, zum Beispiel an die religiöse Gemeinschaft, der sie angehörten. Trotz aller Schwierigkeiten spendeten sie diese Beträge weiterhin, auch im Vertrauen, dass Gott für sie sorgen würde. In der Tat, so berichten sie, hat das Geld immer gereicht. Sie erzählen auch gerne von einer Frau mit einem gro­ßen Herzen, die ihnen einmal gesagt hatte: „Durch Schenken wird man nicht ärmer“.

 

Der Lohn des Schenkens?

Was ist dann der Lohn, der versprochene Reichtum des Schenkens? Im Freiburger Münster zeigt man heute noch einen Nagel, an dem das sprichwörtlich „letzte Hemd“ aufgehängt wurde, das jemand für das Münster gespendet hatte. Freiburg war im Mittelalter eine kleine Stadt mit vielleicht 3.000 bis 5000 Einwohnern. Die Bürger bau­ten das Gotteshaus – und nicht ein reicher Bischof oder Fürst. So gab man alles für das große Werk, dessen Vollendung mehr als 300 Jahre benötigen sollte. Die Menschen schenkten für etwas Größeres, für einen höheren Zweck, für etwas Sinnvolles. Auch heute noch. Man wird durch Schenken nicht automatisch reich, mit viel Geld auf dem Konto, aber Schenken gibt dem Leben und dem Geld einen Sinn.

 

X.

Aus: unser weg, Schönstatt Familienmagazin 1/2013

www.unserweg.com


 

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