Im Boot des Lebens © K.Glas

Sinn und Sinnlichkeit - Sexualität im mittleren Lebenalter

Klaus Glas,


Über den Sinn der Sexualität im mittleren Lebensalter ist viel spekuliert worden. Wissenschaftlich untersucht wurde sie selten. Zu sehr hat man sich darauf fixiert, Sexualität isoliert zu betrachten, fernab der ehelichen Beziehung, in der sie doch am meisten praktiziert wird.

 

Mythos und Wahrheit

So gibt es bis heute eine Reihe von Vorstellungen, die plausibel klingen, aber nichtsdestotrotz falsch sind. Einige glauben, Sex sei überhaupt die Grundlage einer stabilen Ehe. Stimmt das? Ein Forscherteam interviewte hunderte Personen zwischen 50 und 60 Jahren, die seit mehr als 25 Jahren verheiratet waren. Nur 4% der Befragten sahen im Sex eine Stütze ihrer Partnerschaft. Dagegen betonte jeder Dritte, wirklich wichtig sei, von seinem Ehepartner auch in schlechten Zeiten angenommen zu werden – ohne wenn und aber. Wechselseitige Zuneigung und das Gefühl, im Stress ein gutes Team gebildet zu haben, stabilisiert offenbar eine Ehe.

 

Eine gute sexuelle Beziehung setzt langjährige Vertrautheit voraus. Deswegen sind einer neueren Studie zufolge fast zwei Drittel der Eheleute, aber nur ein Drittel der Singles mit ihrem Sexualleben „sehr zufrieden“. Das gilt insbesondere für Frauen, denn sie erleben körperliche Liebe oft als höchst störanfällig: Kindergeschrei, Stress im Beruf und ein wenig zärtlicher Ehemann wirken sich negativ auf die Libido aus. In einer festen Partnerschaft können Frauen leichter spüren, dass zärtliche Momente schön sind. Weit häufiger als weibliche Singles, die wechselnde Beziehungen haben, erleben sie mit der Zeit auch sexuelle Höhepunkte; der weibliche Orgasmus ist die Frucht, nicht der Samen einer guten Beziehung.

 

Es wird gesagt: Mit 60 ist Schluss mit Sex. Wahr ist: Schon in den ersten fünf Ehejahren sinkt die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs auf die Hälfte des Anfangsniveaus. Zu Beginn der Ehe haben Paare dreimal in der Woche, nach der Silberhochzeit im Schnitt dreimal im Monat eine sexuelle Begegnung. Dass die sexuelle Liebe ganz einschlafen kann, ist eine Tatsache. Im höheren Alter geschieht das meist dadurch, dass einer von beiden krank wird oder stirbt. Wer aber Leute kennt, die das Glück hatten, ihre goldene Hochzeit zu erleben, wird erstaunt sein zu hören, dass gelebte Sexualität auch noch in hohem Alter vorkommt.

 

Sinn und Sinnlichkeit

Die Ehe ist vor allem eine Liebesgemeinschaft.“ Der solches sagte war kein Sexualforscher, sondern der Gründer der Schönstatt-Bewegung, Pater Josef Kentenich. Er betonte schon zu Beginn der 1960er Jahre, dass in dem, „was man sexuelle Lust und Vergnügen nennt“, auch ein Wert an sich liege. Er betonte, die Frau in der Lebensmitte brauche zwar länger „bis sie eine Befriedigung findet“, aber sie habe natürlich wie der Mann „auch ein Recht auf Befriedigung“.
Für Paare, bei denen die Phase der Familienplanung vorbei ist, hat der sexuelle Akt nach Kentenich zwei Funktionen. Zum einen stelle er eine „natürliche Entspannung“ dar, der stressbedingte Störungen vermeiden hilft, zum anderen könne dadurch kurzzeitig ein wunderbares Gefühl der „Ruhe und Geborgenheit“ erreicht werden.

Den Bezug nach oben stellte er mit einem mutigen Wort her: „Der eheliche Akt soll nicht irgend etwas sein, was nebenbei ist, nein, er ist ein Weg zu Gott.“


 

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