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Was unserer Beziehung Leichtigkeit verschafft

Claudia Brehm,

 

Wir haben Schmetterlinge im Bauch, wir nehmen uns unglaublich viel Zeit füreinander, wir finden uns gegenseitig anziehend – und zwar alles: das Äußere, das Lachen des anderen, seine Mimik und Gestik, seine Gedanken, die er auch oft und gerne äußert. Wir empfinden viele Gemeinsamkeiten, und die Unterschiede sind bereichernd und interessant. Wir wissen uns füreinander bestimmt, heiraten und sind einfach nur glücklich.


Ohne Investment geht es nicht

Irgendwann nach dieser „Beziehungs-Startphase“ haben es die „Würmer“ aber dann geschafft, unsere Liebe anzunagen und Löcher in der gegenseitigen Aufmerksamkeit, Zuneigung und Wertschätzung entstehen zu lassen. Das Thema Nummer eins: DU und ICH wird von seinem ersten Platz verdrängt, denn dort stehen jetzt der Beruf, die Kinder, der Sport, ein Ehrenamt oder alles gleichzeitig – nur nicht mehr DU und auch nicht mehr DU und ICH. Die „Würmer“ heißen: Alltag, Kinder (es ist gut, dass sie uns unglaublich wertvoll und wichtig sind und viel von unserer Energie brauchen, aber aufpassen müssen wir, denn schnell wird sonst die Zeit, die wir füreinander bräuchten, auch noch von den Kindern absorbiert), viele Termine, langes Arbeiten, ungeregelte Freizeit, ständige Computer/ Tablet/ i-Phone-Präsenz, Versorgen der alt gewordenen Eltern …


Wir beginnen, nebeneinander zu leben und irgendwann wird aus dem Nebeneinander ein Gegeneinander oder einfach nur Langeweile. Das zu registrieren und zu erkennen, bedarf großer Ehrlichkeit, und es braucht viel Phantasie, wie wir wieder zu einem vitalen Miteinander kommen. Wir gehen oft unbewusst davon aus: Wir lieben uns und das bleibt so – ohne etwas dafür tun zu müssen, so wie das am Anfang war. Im Trau-Spruch versprechen wir einander: „Ich will dich lieben, achten und ehren, solange ich lebe!“ Darin wird schon deutlich, dass ich aufgefordert bin, etwas zu tun. Vielleicht sollte man noch hinzufügen: Ich bin bereit, jeden Tag neu etwas für unsere Liebe zu investieren und dazu beizutragen, dass dein Leben schöner, leichter und voller Sinn wird.


Die Ehe schützt nicht vor Vereinsamung, und Beziehungen bleiben nicht von allein anregend, belebend und attraktiv. Emotionale Nähe ist wie der Mond: Sie nimmt ab oder zu, aber sie bleibt nicht gleich. Intimität und Nähe, die stärken, wärmen und zuversichtlich machen, sind nicht einfach Frauensache. Offenheit, dem Anvertrauten und Geliebten an seinem Inneren Anteil zu geben, ohne verlacht zu werden – auch Männer spüren, dass ihnen das gut tut und innere Kräfte weckt. In unserer Welt kommt oft die Seele zu kurz. Materielle Werte drängen sich aggressiv in den Vordergrund und vereinnahmen uns; zwischenmenschliche Beziehungen, Spiritualität – alles, was Zeit braucht – wird überrannt.

Was können wir tun, um immer wieder neu aus dem Nebeneinander zu einem stärkenden Miteinander zu finden?


Generation „Hektiker“ setzt Ruhezeichen

Verglichen mit früheren Generationen sind wir die „Generation Hektiker“. Wir nehmen uns kaum noch Zeit, um mit der Familie in Ruhe (ohne Telefonklingeln, Handytöne, Internetticker ...) am Esstisch zu sitzen, Kindern und Ehepartner länger anhaltend zuzuhören, als Ehepaar miteinander zu schmusen, Verwandte und Freunde zu besuchen … Immer kommt noch ein wichtiger Termin, noch ein wichtiges Projekt, noch ein unaufschiebbares Telefonat dazwischen.

Wenn wir hier nicht selbst bewusst gegensteuern, rennen wir uns früher oder später im Hamsterrad in den Burnout. „Zugbrücke raufziehen“ und dadurch Türen und Tore in „unserer Burg“ ungestört füreinander öffnen, tut Not. Nur wenn wir uns Zeit füreinander nehmen, kommt es zu den Gesprächen, die Vertrauen und Liebe aufkommen lassen, weil wir dann über unsere Freude und Angst, unsere Ziele, Träume und Gedanken reden und dem Partner an uns selbst Anteil geben. Je aufmerksamer wir zuhören, je offener wir erzählen, desto mehr kann der andere uns verstehen, annehmen, schätzen und lieben. Wer Gefühle äußert und merkt, dass der andere aufmerksam zuhört, wird sich geliebt und verstanden fühlen. Ein Plakat am Kühlschrank: „Hektik verboten“ erinnert immer wieder hilfreich an unsere Versuche.


Liebe ausdrücken

Hilfreiche Gewohnheiten für mehr Miteinander können sein:

  • gemeinsam frühstücken,

  • ein Kaffeestündchen zu zweit,

  • ein gemeinsamer Spaziergang um den Block (da jeder von uns zu viel sitzt),

  • täglich mindestens einmal: „Ich liebe dich!“ (natürlich im eigenen Dialekt)

  • und: Haben wir uns heute schon geküsst (das Eheberaterehepaar Arp schwärmt von fünf Sekunden Küssen), über Rücken, Hände oder das Gesicht gestreichelt, einander in den Arm genommen, den FIS-Blick (einander fünf intensive Sekunden in die Augen schauen) geschenkt?


Ein enges Vertrauensverhältnis zum Partner ist eine Kraftquelle, die das eigene Wohlbefinden, Vitalität und Fröhlichkeit steigern. Auch das bewusste „Danketut uns beiden gut:

  • Danke, dass du das Auto gewaschen hast!

  • Danke, dass du meinen Computerabsturz wieder so schnell behoben hast, du bist einfach gut!

  • Danke, dass du jeden Tag für mich kochst und dir immer etwas Neues einfallen lässt!

  • Danke, dass du dich für mich und meine Arbeit interessierst!

  • Danke, dass du eingekauft hast!

  • Danke, dass du unterwegs meine Hand gehalten hast ...


Freude an den Unterschieden

Einst haben wir uns durch unsere Unterschiedlichkeit angezogen. Wir müssen nicht nach der Hochzeit beginnen, unsere Unterschiede „platt“ zu machen und alles zu versuchen, um den Partner uns ähnlich zu machen, sonst verlieren wir von unserer Vielseitigkeit. Unsere Eigenschaften und Begabungen so einzusetzen, dass wir einander ergänzen und nicht im steten Wettkampf liegen, wer der Bessere ist, ist immer neu spannend. Dazu darf ich einen Willensakt setzen und mich entscheiden: Du darfst so sein, wie du bist – und ich darf auch so sein, wie ich bin. „Den einzigen Menschen, den du wirklich ändern kannst, bist du selbst“, sagt ein Sprichwort. Und dann suchen wir einen gemeinsamen – unseren ureigenen – Weg, um Brücken zu bauen, anstatt Abgründe aufzureißen.


John Gray stellt in seiner langjährigen Eheberatungspraxis fest: Männer brauchen ganz stark das Gefühl, dass man ihnen etwas zutraut. Frauen brauchen das Gefühl, von ihrem Mann umsorgt zu werden, einen Mann zu haben, der sich für sie einsetzt. „Die einzige Möglichkeit, einen guten Freund zu bekommen, besteht darin, selbst einer zu sein.“ Unsere Energie darauf zu verwenden, unseren Partner wie einen Freund zu behandeln, lässt uns ideenreich werden. Vertrauen, Fürsorge und Respekt sind fundamentale Freundschaftselemente.


Kleine Dinge, große Wirkung

Es sind oft die kleinen Dinge, die Wärme, Glück und Leichtigkeit zwischen uns entstehen lassen. Sie vermitteln uns: „Du bist mir wichtig!“

Bernd sagte neulich: „Ich hab‘ keine Idee. Liebesbriefe, Poesie und Blumen sind nicht mein Ding ...“ Andreas antwortete: „Sie sollen ja auch nicht dein Ding sein, aber vielleicht sind sie das Ding deiner Frau. Ich kann‘s auch nicht so ober-romantisch, aber ich weiß, dass es ihr so gut tut, wenn ich sie beim Heimkommen küsse oder wenn sie mal wieder für uns in der Küche steht. Ich habe auch gemerkt, dass es ihr Freude macht, wenn ich im Handschuhfach immer wieder Bonbons oder Kaugummis deponiere oder beim Tisch-Abräumen helfe. Und im Übrigen: all das sind Geschenke, die ich ihr mache, die aber auch mir zu Gute kommen. Sie fühlt sich auf diese Weise geliebt – und ich fühl‘ mich als Liebender! Versuchs’s einfach!“

Anita hat herausgefunden, dass ihr Karl es genießt, wenn sie ihm die Nackenmuskeln massiert oder einreibt und mit ihm im Fernsehen den „Tatort“ anschaut. „Nicht gerade mein Lieblingsfilm“, meint sie augenzwinkernd, „aber ihm tut’s gut, und sein fröhliches, dankbares Lachen zu sehen erinnert mich an früher – es war das Erste, was ich so anziehend an ihm fand.“


Leichtigkeit in unsere Beziehung zurückholen

Wissen Sie noch, was damals, als sie sich kennen lernten, so schön war? Dass das ganze Leben plötzlich so leicht erschien. Wir fühlten uns wie im schwebenden Heißluftballon, wo man beim Start Sandsäcke abwirft, um nach oben zu kommen. Lassen wir den Sandsack alter Verletzungen „Du hast mich damals ...“ doch fallen. Das schafft Platz, um – „gemeinsam leicht geworden“ – nach vorne zu schauen

Auch der Sandsack: „Ich habe Recht!“ – „Nein, ich habe Recht!“ hält uns sinnlos am Boden fest. In einer Liebesbeziehung geht es nicht ums Rechthaben, denn wenn einer recht hat und der andere nicht, haben wir zwei Verlierer. Dann verschiebt sich unser Stehen auf der gleichen Ebene und wird schief. Das Verhältnis Chef/Untergebener aber lässt keine gleichberechtigte Liebe aufkommen. Es geht vielmehr darum: Welche win-win-Lösung finden wir ganz individuell für uns beide, so dass wir beide das Gefühl haben, einander näher gekommen zu sein? Dann haben wir beide gewonnen.

Den Sandsack des ewigen Nörgelns, schlecht Redens und Kritisierens (vielleicht um uns selbst besser zu machen?) werfen wir direkt hinterher. Wir suchen heute mindestens fünf Dinge, die wir loben und an denen wir uns freuen können (vielleicht sogar an dem, der ewig in unserer Familie nörgelt. Könnte ja sein, dass er, wenn er ein Lob für sich hört, mit der Zeit nicht mehr sich selbst loben muss, indem er andere heruntersetzt, denn jetzt weiß er sich ja anerkannt und geschätzt. Könnte auch sein, dass da sehr große Geduld gefragt ist!)


Am besten gleich loslegen

Wenn einer der beiden Partner anfängt, Zeit, Sinne und Aufmerksamkeit auf den anderen auszurichten, wird der andere meist nach einiger Zeit auch Ideen entwickeln, weil ihm diese Aufmerksamkeit und Romantik einfach gut tut. Wir stehen im Umkreis von Pfingsten. Für mich war das lange Zeit ein schwierig zu verstehendes Fest. Seit ich gemerkt habe, dass der Heilige Geist der zwischen Vater und Sohn ist, der für Schwung, Miteinander, Wärme, Wertschätzung, Leichtigkeit, Vertrauen und Fürsorge sorgt, feiere ich jedoch sehr gerne Pfingsten – unter anderem als „Aufladefest“ von Ideen für prickelndes Ehe-Miteinander! Dieser phantasievolle Heilige Geist lässt sich auch außerhalb Pfingsten gerne ansprechen: Komm, zeig mir, wie ich meinem Mann, meiner Frau Leichtigkeit und Liebe ins Leben bringen kann!


Aus: BEGEGNUNG – Zeitschrift aus Schönstatt für Frauen 2/2013

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