Foto: M. J. Gehrlein

Vertrau mir einfach!


Unsere dreizehnjährige Tochter übernachtet gerne bei Freundinnen. Das erlauben wir auch gerne am Wochenende, weil wir wissen, dass diese Nächte immer zu kurz sind für das Schlafbedürfnis unseres Kindes. An einem vergangenen Montag rief sie am Nachmittag an, dass sie bei einer Freundin sei. Gegen 18 Uhr klingelte das Telefon wieder: „Darf ich übernachten?“ Zuerst lehnte ich mit den bekannten Argumenten ab. Darauf sagte sie zu mir: „Vertrau mir einfach Mama, ich schaff das schon!“ Als sie am nächsten Tag sichtbar müde aus der Schule nach Hause kam, riss sie sich unheimlich zusammen, alles Notwendige zu erledigen und nicht „zusammen zu brechen“. Beim Gute-Nacht-Sagen dann sagte sie stolz: „Siehst Du, es hat gut geklappt!“

Wurzeln

Wir merken, die Zeiten ändern sich! Und diese Änderungen bringen uns immer wieder auch auf wackligeren Boden. Da ist das Wissen, dass die Kinder immer mehr in ihr eigenes Leben hinein finden wollen und müssen, da sind aber auch unsere Sorgen und der vermeintliche Weitblick, den wir meinen zu haben. Provokant sagt Jesper Juul in seinem Buch „Pubertät“: „Wenn die Kinder etwa zwölf Jahre alt sind, ist es für Erziehung zu spät. Das sagen die Kinder uns auch, aber wir hören es meist nicht: Am Anfang drücken sie es sehr diplomatisch aus, doch wenn wir es nicht verstehen, müssen sie lauter werden, manchmal viel lauter.“

Jetzt sind wir wohl herausgefordert, auf die ersten zwölf Jahre unserer Erziehung zu vertrauen, dass wir der kleinen Pflanze alles mitgegeben haben, was diese zum Wachsen von uns Eltern braucht. Und dass die Wurzeln tief in der Erde greifen, wenn der Wind mal rauer und stärker wird.

Eigen-willig

Aber wir müssen uns auch eingestehen, dass wir oft unsicher sind. Auf welchen Regelungen bleiben wir bestehen, auch gegen den Willen der Kinder? Und wo schauen wir zu, auch wenn wir spüren, dass das Kind dabei vielleicht unangenehmere Erfahrungen machen wird? Unsere Tochter war immer eine gute Schülerin, die sich alleine um alles Schulische gekümmert hat. Schon in der sechsten Klasse haben wir dann erste Beobachtungen gemacht, dass sie sich mit den Sprachen nicht ganz so leicht tut.

In der siebten Klasse dann war die erste Schulaufgabe in Französisch eine fünf. Ich wollte sie daraufhin unterstützen, aber sie sagte mir, dass sie das alleine hinbekommen würde. Allerdings nahm ich nicht wahr, dass sie irgendetwas für dieses Fach tat. Die zweite Schulaufgabe – wieder eine fünf. Nun beschloss ich, dass ich eingreifen musste und verlangte von ihr tägliches Vokabel-Lernen. Das machte sie ein paar Tage äußerst widerwillig. Eine Kontrolle meinerseits verweigerte sie aber meist sehr vehement. Nach einer Weile brach es aus ihr heraus, dass sie so nicht arbeiten könne, sie müsse selbst überlegen, was zu lernen sei. Darauf wollte ich mich aber zuerst nicht einlassen, da ich befürchtete, dass sie dem Unangenehmen weiter aus dem Weg gehen würde und dabei im Fach Französisch den Anschluss verlieren würde. Sie machte daraufhin den Vorschlag, dass ich nicht den Inhalt überprüfen solle, sondern sie mir immer am Abend berichtet, was und wie viel sie getan habe. Außerdem wünsche sie sich einen Anreiz: Einen Tagesausflug mit mir alleine, wenn sie es noch auf eine Drei im Endzeugnis schaffen würde. Seitdem hat sie dieses Fach in die Hand genommen.

Ich bin ok

Nicht immer jedoch gelingt ein nächster Wachstumsschritt so gut. Eine Freundin erzählte vor Kurzem, dass ihr 15-jähriger Sohn sich einfach für nichts mehr interessiere. „Mit jeder Idee, die ich ihm gebe, verbaue ich ihm einen Weg, denn diese Idee kann er nun in keinem Fall umsetzen. Am besten halte ich einfach den Mund.“ Besonders drastisch ist die Erfahrung einer Arbeitskollegin, deren mittlerer 16-jähriger Sohn sich über jede Regel einfach hinweg setzt. Ihren Höhepunkt fanden die Auseinandersetzungen, als der Sohn sich selbst zusammen mit einem Freund ein Lippen-Piercing gestochen hat. Auf meine Frage, wie denn das Verhältnis zum Sohn sei, sagte sie: „Seit ich nicht mehr versuche, ihn zu ändern, wird’s besser. Jetzt können wir wieder miteinander reden.“

Jesper Juul führt dazu weiter aus: „Was unsere Kinder in der Pubertät von uns brauchen, ab 12, 13, 14 Jahren, ist eigentlich nur das: Zu wissen, auf dieser Welt gibt es einen oder zwei Menschen, die wirklich glauben, dass ich okay bin. Das brauchen sie.“

Beim Blick in manche Familie mit älteren Kindern wird uns bewusst, dass wir es mit unseren Kindern noch ziemlich gut haben. Wir spüren aber auch die Veränderung, dass es zunehmend mehr darum geht, sie „sein“ zu lassen und Respekt vor mancher Entscheidung zu entwickeln. Wir stehen staunend vor ihrer Verschiedenheit und vor so mancher Begabung, aber ebenso nehmen wir wahr, dass sie individuelle Entwicklungsaufgaben haben. Hier gilt es zu überlegen, was sie dafür von unserer Seite brauchen: Sie brauchen unsere Präsenz, unsere Kunst der Wahrnehmung, beides können wir anbieten.

Vermutlich brauchen sie aber mehr unsere Ohren als unseren Mund, denn was wir in der einen oder anderen Situation sagen würden, das wissen sie schon aus jahrelanger Erfahrung. Wenn sie unsere Meinung hören wollen, fordern sie diese ja auch zu jeder Zeit ein. Und bei allem Schauen und Schweigen wollen wir trotzdem im Gespräch bleiben darüber, wie Entscheidungen getroffen werden können, welche Ziele in den Blick genommen und wie sie erreicht werden können und welche Kriterien sie und wir für ein gelingendes Leben anlegen.

Vertrauen

Uns hilft auch immer wieder der Gedanke, dass wir ja nicht wirklich wissen, was für unsere Kinder das Beste ist. Gott hat einen Plan von ihrem Leben, nicht wir. Diesem Plan können wir sie auch überlassen, wenn wir davon überzeugt sind, dass Gott ihnen alles mitgegeben hat, oder noch geben wird, was sie zu einem erfüllten Leben brauchen, dass sie von ihm geliebt und begleitet sind. Auch alle scheinbaren Fehler oder Umwege sind möglicherweise notwendig für ihre Entwicklung zu sich selbst. Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade. Wir brauchen nur genügend Vertrauen in Gottes beständige und liebende Nähe – und das fordern auch unsere Kinder von uns ein.

R.H.

In: „unser weg“ - Schönstatt Familienmagazin 2/2013

www.unserweg.com




 

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