Passionsblume © Elvira Nink

Hör auf Deine Stimme!

Sr. M. Nurit Stosiek,


Hör auf deine Stimme! Hab den Mut, die Einzige zu sein! Woran denken Sie spontan, wenn Sie diese Aufforderung hören? Möglicherweise an den Mut, zur eigenen Überzeugung zu stehen? Lothar Zenetti schreibt in einem seiner Gedichte: "Wenn keiner ja sagt, sollt ihr's sagen, wenn keiner nein sagt, sagt doch nein. Wenn alle zweifeln, wagt zu glauben, wenn alle mittun, steht allein."

Das ist die Feuerprobe einer authentischen Persönlichkeit: der Mut, der inneren Stimme zu folgen, auch wenn ich die Einzige bin. "Seien wir eine Persönlichkeit, die dem Gewissen folgt und nicht dem, was andere sagen ... Ich darf nicht warten, bis jemand anderes kommt und mir sagt, was ich tun soll. Was wollen Sie in einem Konzentrationslager anfangen, wenn Sie gewohnt sind, stets dem zu folgen, was andere sagen? Oder wenn Sie andere für sich denken lassen? Dann sind Sie keine Persönlichkeit mehr", so sagt es Pater Kentenich. Und er fügt bei:

 

Der Lebensstrom muss von innen kommen

 

"Der Lebensstrom muss von innen kommen" (J. Kentenich). Meiner inneren Überzeugung zu folgen, auch wenn ich damit allein stehe, ist menschliche Größe. Bis dahin liegt ein langer Weg vor uns. Am Anfang dieses Weges steht ebenfalls der Ruf: "Hab den Mut, die Einzige zu sein!" Doch hier hat er eine andere Klangfarbe. Spüren wir diesem Klang etwas nach. Eine alte griechische Sage – die Odyssee des Homer – kann dabei helfen:

 

Odysseus, der König von Ithaka, wird auf der Heimreise nach dem Krieg in Troja durch einen Seesturm von der Heimat weggetrieben und muss bei seiner 10jährigen Irrfahrt verschiedene Abenteuer durchstehen. Er hat nur eine Sehnsucht: Er will heim in sein Land, zu seiner Frau Penélope, zu seinem Sohn Telémachos, der ganz klein war, als er in den Krieg zog.

Unter anderem verschlägt es Odysseus auf die Insel der Göttin Kalypso, einer sehr schönen Frau, die sich ihn zum Mann wünscht. Kalypso versucht, Odysseus an sich zu binden, indem sie ihm die Unsterblichkeit anbietet und ihre eigene übermenschliche und unvergängliche Schönheit mit der Penélopes vergleicht. Sie malt es Odysseus aus: Die Schönheit deiner Frau wird mit den Jahren immer mehr schwinden, während ich als Göttin unvergleichlich schöner bin und nie altern werde.

Odysseus entgegnet der Kalypso: "Göttin, lieber würde ich nur einen einzigen Augenblick bei Penélope sein, als unsterblich auf deiner Insel zu leben und deine Schönheit zu genießen. Denn meine Liebe gehört nur ihr." Schließlich kann Odysseus heimkehren. Penélope hat unbeirrt auf ihn gewartet und alle anderen Männer abgewehrt. Das Wiedersehen beider ist ergreifend.

Was Odysseus nach Hause zieht, ist eine Liebe, die der Philosoph Jörg Splett einmal so beschrieben hat: "Für den Liebenden ... ist seine Frau nicht die schönste und beste, sondern bei allem Respekt, bei Freundschaft und Zuneigung anderen gegenüber die einzige: seine Frau, ... das unvergleichliche Du."

 

Die Einzige sein

 

Die Einzige sein für eine Person, die mich in meiner Einzigartigkeit annimmt: Das zu erfahren macht glücklich. Unser christlicher Glaube sagt uns, dass jeder Mensch von Gott als seinem Schöpfer einzigartig geschaffen und bejaht ist. Gott liebt jeden Menschen mit besonderer Liebe. Jeder kann mit Recht sagen: Ich bin für meinen Schöpfer das unvergleichliche Du.

Dies ist eine Schlüsselerfahrung, die uns aus dem Druck, uns ständig vergleichen zu müssen, heraushebt. So erst wird volle Selbstfindung und Selbstentfaltung möglich.

 

Weshalb das so ist, lässt sich leicht an dem viel häufigeren Kontrastbeispiel verstehen. Im Märchen "Schneewittchen" ist es klassisch beschrieben. Dort hat die Königin einen wunderbaren Spiegel, den sie immer wieder befragt: "Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?" Sie wartet jedes Mal auf die erlösende Antwort: "Frau Königin, Ihr seid die Schönste im Land." Und es heißt weiter: "Da war sie zufrieden, denn sie wusste, dass der Spiegel die Wahrheit sagte."

Der sprechende Spiegel – ein Bild für die innere Stimme – soll der Königin nur die Dinge sagen, die sie im Vergleich mit allen anderen am besten abschneiden lassen. Sie verträgt nur diese "Wahrheit". Das Drama beginnt, als eines Tages Schneewittchen in ihr Leben tritt, die "tausendmal schöner" ist als sie.

 

Dies ist das Bild einer Frau, die ihren Selbstwert daraus bezieht, dass sie sich mit anderen vergleicht. – Pater Kentenich spricht scherzhaft von der "Schielsucht": Man schielt ständig auf die anderen. – Fragen wie: "Bin ich schön? Bin ich geistreich? Bin ich liebenswert?", werden dann schnell zu einem Vergleichsspiel: Bin ich schöner, ungewöhnlicher, liebenswerter als ...? – Was in diesem Vergleichsspiel nicht punktet, wird als Minderwertigkeit empfunden. Gerade das aber ist möglicherweise das Einmalige und Originelle der eigenen Persönlichkeit. "Ich litt darunter, mit meinen 1,55 m kleiner als andere zu sein", sagt eine Frau, "bis sich ein 1,82 m großer Mann in mich verliebte. Er fand mich einfach schön; das änderte alles."

Wer sich persönlich geliebt erlebt, lebt auf, blüht auf, wird eigentlich erst in seiner ganzen Schönheit erweckt. Hier liegt das Geheimnis der Kraft, zu sich selbst zu stehen und seinen Weg zu gehen.

 

Urwüchsige Originalität ist konkurrenzlos

 

Der Schauspieler Marlon Brando soll einmal gesagt haben: "Nur wer seinen eigenen Weg geht, kann von niemandem überholt werden." Urwüchsige Originalität ist konkurrenzlos: Ich brauche nicht "die Schönste" zu sein, ich bin auf meine Weise schön. Ich brauche nicht "die beste Mutter" zu sein, ich bin in meiner Art und meinen Kindern gegenüber eine gute Mutter. Andere mögen uns in einzelnen Punkten "überholen", schneller voran kommen, besser sein. Das ist dann nicht mehr so wichtig, denn es geht um mehr als um einzelne Leistungen. Es geht um das ruhige Bewusstsein: Ich bin für meinen Schöpfer die Einzige dieser Art. Meinen Lebenslauf und meine Persönlichkeit gibt es nur ein Mal in der ganzen Weltgeschichte. Gott hat mich persönlich gewollt und geschaffen, so wie ich bin!

 

Wenn diese Erfahrung unsere Seele zu erfassen beginnt, kommt etwas ganz Neues in unser Leben hinein: Wir zerren nicht mehr so sehr an dieser oder jener Grenze. Wir können besser damit leben, in manchem eben nicht so attraktiv zu sein wie andere. Denn da ist die Stimme im eigenen Innern, die uns das Wichtigste nicht vergessen lässt: Du bist zu einem einzigartigen Leben berufen, arbeite daran.

In dieser Stimme klingt immer beides mit: das warme Ja unseres Schöpfers, der uns vorbehaltlos annimmt, aber auch seine Sehnsucht, uns zu einer Größe zu entfalten, die keinen Vergleich hat, weil wir eben einmalig sind. Das ist entlastend und anspornend zugleich.

Je mehr wir an Gottes persönliche Liebe zu uns glauben können, um so freier und origineller werden wir uns entfalten. Denn unser Wunsch nach Selbstfindung bekommt eine andere Basis: Es geht nicht mehr so sehr darum, mir und anderen meinen Wert zu demonstrieren – ich bin ja schon jemand. Selbstfindung, die daraus fließt, vollzieht sich ruhiger, stimmiger und auch authentischer. Eine Frau, die sich ganz angenommen weiß, braucht sich nichts zu beweisen, hat aber auch nichts zu verbergen. Zugleich hat ihre Persönlichkeitsentwicklung größeren Ernst in dem Bewusstsein: Gott zählt auf mich, er braucht mich, er hat mir eine Aufgabe zugedacht. Es ist nicht gleichgültig, wie ich sie löse.

 

Das Leben wird leichter, entspannter und zugleich gewichtiger, bedeutender, wenn ich mich von dieser inneren Stimme leiten lasse. Da gibt es ja diesen Plan, diese Führung, die mein kleines Leben in den großen Rahmen der Erlösung stellt.

 

Der Blick auf Maria

 

Wie groß eine Frau dadurch werden kann, sehen wir an Maria. Wir sagen gern, sie war "voll der Gnade". Aber auch uns bietet Gott so viel Gnade an, wie wir für unsere Lebensaufgabe brauchen. Die Größe Mariens liegt darin, dass sie an Gottes persönliche Liebe geglaubt hat – lebenslang, auch in den dunkelsten Stunden. Und dass sie mitgegangen ist: "Mir geschehe nach deinem Wort." Dieses Einverständnis, auf ihn zu hören, hat sie niemals zurückgenommen.

Alle Situationen ihres Lebens, von denen die Bibel berichtet, spiegeln diese Bereitschaft, sich im Hören auf Gott auf fremde Wege einzulassen: Als sie den 12Jährigen nach drei Tagen Suche im Tempel wiederfindet (Lk 2,41-50), sagt sie aus der Angst der letzten Tage heraus: "Kind, warum hast du uns das angetan!" Ihr Sohn reagiert scheinbar abweisend. Sie aber zieht sich nicht verletzt zurück. Sie lässt das Erlebte im Herzen nachwirken. Bei der Hochzeit in Kana (Joh 2,1-11) will sie helfen. Doch wieder eine unverständliche Reaktion Jesu: "Frau, was habe ich mit dir zu tun? Meine Stunde ist noch nicht gekommen." Und auch hier lässt sie sich von der Stimme ihres Herzens leiten, die ihr hilft, die eigentliche Absicht Jesu zu verstehen: "Was er euch sagt, das tut."

Maria lässt sich von Gott führen, und damit geht sie ihren eigenen Weg, entschlossen und mutig. Entschlossenheit wächst aus der inneren Sicherheit: Das ist mein Leben, ich muss es selbst verantworten vor dem, der es mir gegeben hat. Aber der, der es mir gab, geht mit mir, und er liebt mich einzigartig.

 

Selbstfindung hat sehr viel mit diesem Mut zu tun, sich Schritt für Schritt einzulassen auf Gottes einzigartige Liebe, sich vom Schöpfer selbst entfalten zu lassen zu menschlicher Größe. Der Mut, dann auch einmal alleinzustehen wegen der eigenen Überzeugung, wächst daraus. Denn wer zu seiner inneren Stimme steht, steht ja nicht allein: Er hat Gott im Rücken.

Im Übrigen: Wer erlebt, wie schön es ist, als Original zu leben, will nicht als Kopie sterben. Es lohnt sich, diesen Weg zu gehen: Hör auf deine Stimme! Hab den Mut, die Einzige zu sein!

 

BEGEGNUNG – Zeitschrift aus Schönstatt für Frauen 2/2011

www.zeitschrift-begegnung.de


 

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