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Ich will frei sein

Claudia Brehm,


Gedankensplitter einer Midlife-Crisis-Geplagten

Ich sitze in meinem Schaukelstuhl - und bin wütend. Heute ist mein freier Tag. Was hab ich mir nicht alles dafür vorgenommen: zuerst einen Spaziergang machen, um meinen Lufthunger zu sättigen und die Natur gegen das tägliche Arbeiten am Computer in abgestandener Luft einzutauschen, kurz bei Brigitte vorbeischauen, in Ruhe den Wocheneinkauf erledigen, dann ein spannendes Buch lesen, bis die Kinder kommen - trotz Bügelwäsche und Hausarbeit.

Stattdessen regnet es in Strömen. Die Nachbarin ruft an, dass sie sofort Mehl und Zucker brauche, weil sie für einer älteren Nachbarin einen Kuchen versprochen hätte. Ich könnte doch grade mal schnell einkaufen fahren. Dann telefoniert das Altenheim. Meine Mutter sei gestürzt. Den Rest des Tages verbringen wir in der Ambulanz. Trostreich der Kommentar von Freundin Brigitte am Telefon: „Mach dir nichts draus. So ist das halt in unserem Leben!“

Ist es das wirklich? In letzter Zeit hämmert öfters die Frage in meinem Hinterkopf: War's das schon? War das alles, was ich vom Leben hatte und noch erwarten darf: voll gefüllte Tage, prall gefüllte Terminkalender, Treten im Hamsterrad, kaum zu Atem kommen.

 

War's das schon?

Wenn diese Frage auftaucht, hat sie ihre Berechtigung, dann zeigt sie mir, wie hoch der Frust schon gestiegen ist. Ich bin in höchsten Maße genervt. Eine Veränderung steht ins Haus.
C.G. Jung (1875 -1961), der Schweizer Psychiater, erklärte das Leben anhand des Sonnenlaufs. Die Sonne geht auf, wandert bis zum Zenit: Das ist der Mensch in seinen ersten Lebensphasen bis ca. 40 Jahre. Danach geht die Sonne langsam unter. Der Sonnenaufgang ist nicht schöner als der Sonnenuntergang, aber er folgt anderen Gesetzen. Wenn der Mensch des Mittags genauso lebt wie der Mensch des Morgens, kann das nicht gut gehen.

Ich bin weit über die 40: Powern ist nicht mehr angesagt. Nächte durcharbeiten geht nicht mehr. Es Allen Recht machen wollen, gibt keine Befriedigung mehr. Sehnsucht nach Ehrlichkeit kommt auf. Stille und Ruhe werden zu einem erstrebenswerten Gut. Ob ich deshalb vermehrt den Wald-Spaziergang brauche, um die innere Stimme auch hören zu können? Denn „Das war es noch nicht!“, das wird mir deutlich.

 

Ich will frei sein

Die Frage „War es das schon?“ kann man beantworten, indem ich äußerlich mein Leben verändere: einen jüngeren Partner suchen, mir ein neues Outfit zulegen. Wer will schon gerne zugeben, dass er selbst auch langweiliger geworden ist. Ich möchte lieber nach inneren Wandlungen suchen. Ich will frei sein von all dem, was mich einengt und mir die Luft abdrückt. Das ist weder mein Mann, noch sind es meine Kinder. Es sind die vielen kleinen Aufgaben, die ich zu schnell übernehme. P. Turrini formuliert treffend: „Das Nein, das ich sagen will, ist tausendmal gedacht, still vorbereitet, nie ausgesprochen, es brennt mir im Magen, es nimmt mir den Atem, es wird zwischen meinen Zähnen zermalmt und verlässt als freundliches „ja“ meinen Mund.“ Doch für meine Freiheit ist ein mutiges Nein gefordert - charmant, aber zielsicher.

 

Entrümpelungsaktionen – frei sein von …

Ballast ist auch in meinem Kleiderschrank. Diese Röcke habe ich drei Jahre nicht getragen. Diese Hose ist wunderschön, aber viel zu eng. Diese 3 Paar Schuhe werde ich entsorgen…Plumps! Welch ein befreiendes Gefühl, wenn der Ballast in die Kleidertonne wandert. Anziehen macht wieder Spaß.

Änderungen sind auch in meinen Beziehungen angesagt. Manche Menschen waren in bestimmten Phasen wichtig. Ich habe auch das Recht, Freundschaften, die mir Energie absaugen, zu beenden. Entrümpeln darf ich auch Mücken, aus denen ich Elefanten machte. Jemandem verzeihen macht frei. Ich löse mich aus der Umklammerung des Anderen. Alte Wunden können heilen. Kräfte werden frei.

Absolute Freiheit ist nicht möglich. Die Begrenzung unseres Lebens zeigt sich am Beginn und am Ende: Geburt und Tod. Es gibt Dinge, auf die ich keinen Einfluss habe: dass ich eine Frau bin, in welche Familie ich hineingeboren bin. Freiheit heißt hier: Diese Vorgegebenheiten akzeptieren in dem Bewusstsein: „Wenn etwas anderes besser für mich gewesen wäre, hätte Gott mir es geschenkt!“ Pater Kentenich nannte es: die besten Windeln, die Gott für mich ausgesucht hat. Ich spüre, was ich auf einem Buchtitel las: „Wer loslässt, hat die Hände frei für Neues.“

 

Frei sein für...

Ich darf mir bewusst machen: Ich stehe an der Schwelle einer neuen Lebensphase. Mein Blick geht zurück in das alte Land, das ich durchwandert habe. Muss der Blick mich ängstigen? Vielleicht, weil ich das Gefühl habe, etwas verpasst zu haben? Könnte es nicht sein, dass mir durch das, was ich nicht erlebt habe, mancher Schmerz erspart geblieben ist? Reif werde ich auch durch das, worauf ich verzichten musste und was ich durchlitten habe. Diese Gelassenheit öffnet meinen Blick für das Neue. Wie wäre es malen, singen, Ahnenforschung, Rosenpflege. Dinge, die ich schon immer mal tun wollte oder die mich neu interessieren.

Pater Kentenich, der die Lebenswege vieler Menschen mit begleiten durfte, meinte: “Freiheit von Pflichten will ergänzt werden durch Hellhörigkeit auf die Wünsche Gottes.“ Was ist jetzt dran? Ein Ehrenamt, eine Weiterbildung, mehr Zeit mit Gott verbringen durch Gebet, Zurückziehen, Stoßgebete, Spurensuche, wo er mein Leben lenkt? Oder eben doch wieder die vielen Besuche im Altenheim? Ja, aber dann als bewusste Entscheidung. Freiheit haben heißt: eigene Entscheidungen treffen. Ich gehe dorthin, weil es wichtig ist für meine alte Mutter.

Und danach werde ich meinen Mann ins Weinstübchen einladen zu einem geruhsamen Abend. Und da werde ich ihm erzählen, was mich zur Zeit bewegt. Hm, er ist ja gleich alt wie ich. Könnte ja sein, dass es ihm genauso geht. Dann können wir auch noch zu zweit ein neues Land beackern. Es lebe meine Freiheit!

 

in: "basis - Zeitschrift aus Schönstatt", 4/2012
www.patris-verlag.de


 

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