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Innere Stimme oder Sirenen?

Sr. M. Nurit Stosiek,


Sag mir dein Alter und ich sage dir, in welcher Lebensphasen-Krise du steckst! So ist man – nach Lektüre aktueller Literatur zum Thema "Lebensphasen" – versucht zu karikieren. Natürlich ist das zugespitzt gesagt. Aber Frauen heute sind schon deshalb viel stärker "im Wandel" begriffen, weil unsere Lebensbedingungen und -möglichkeiten sich ständig wandeln. Als vor rund zehn Jahren der Begriff der "Quarterlife-Crisis" der Mitte-Zwanziger aufkam, kommentierte jemand: Die Menschen werden älter, die Krisen werden jünger und häufiger.

 

Die Menschen werden älter, die Krisen werden jünger und häufiger

Nun bedeutet "Krise" nicht Untergang, sondern Übergang in eine neue Phase, wobei dieser Übergang Lebenswenden einschließen kann. Manches, was uns als 20- oder 30Jährige Halt gab, bietet uns mit 40 oder 50 Jahren keine wirkliche Sicherheit mehr. Manche Lösung, die wir in jungen Jahren für uns fanden, erweist sich in späteren Lebensphasen als Provisorium, das dem Härtetest des Lebens nicht standhält.

Es ist wichtig, sich diesen seelischen Wandlungen zu stellen, ohne die eigene Originalität von den damit verbundenen Turbulenzen "wegfegen" zu lassen.

 

Hier kann wiederum der Blick auf Odysseus hilfreich sein, dem wir in diesem Heft schon einmal begegnet sind. Auf seinen Irrfahrten musste er an der Insel der Sirenen vorbeisegeln. Die Sirenen waren Halbgöttinnen, die alle Seeleute durch ihren betörenden Gesang auf die Insel lockten. Alle aber, die die Insel betraten, starben. Odysseus nun wollte die Stimmen der Sirenen hören, aber nicht auf die Todesinsel gelangen. Er gab seinen Schiffsleuten Wachs in die Ohren (damit sie für den Gesang taub waren) und befahl ihnen, ihn an den Schiffsmast zu binden und ihn auf keinen Fall loszumachen. So hörte er den Sirenengesang, aber als er ihm hingerissen folgen wollte, banden die Gefährten seine Seile wie vorher ausgemacht nur noch fester. Außer Hörweite gekommen, verlor der Zauber seine Wirkung.

Diese Episode lässt sich wie eine Weisheitsregel für krisenhafte Übergänge in unserem Leben als Frau lesen.

 

Weisheitsregel für krisenhafte Übergänge in unserem Leben als Frau

In solchen Übergängen ist es nicht leicht, in der Vielfalt der "Stimmen" die innere Stimme zu identifizieren. Die eigenen Gefühle erheben ihre Stimme, oft in schnellem Stimmungswechsel; von Bekannten oder Ratgebern in Zeitschriften und Büchern kommen manche Tipps, die sich nicht selten widersprechen. Und für gewöhnlich ist die innere Stimme, auf die man sich vorher verlassen konnte, nicht klar genug hörbar: Man fühlt sich angesichts des Unbekannten im eigenen Innern verwirrt. Die Versuchung, alles Bisherige über den Haufen zu werfen, liegt nah.

Persönlichkeitsentwicklung braucht aber etwas Bleibendes, das sich durchhält und nicht in jeder Lebenskrise neu gesucht werden muss. Der "Mastbaum", an den sich Odysseus binden ließ, um dem Gesang der Sirenen zu widerstehen, ist dafür ein Bild. Wenn der "Zauber" der vielen Stimmen dann nachlässt, wird die innere Stimme wieder hörbar und zeigt kreative Schritte in eine neue Phase.

Die Weisheitsregel könnte also lauten: Binde dich in Zeiten seelischer Ausgewogenheit an bewährte Haltpunkte, damit du in seelischen Umbruchphasen deine Mitte nicht verlierst.

Betrachten wir einige solcher Haltpunkte, die vorweg gesichert sein müssen, damit sie die Krise zur Chance werden lassen.

 

Die Krise zur Chance werden lassen

  • Ich notiere mir in einem persönlichen "Lebensbuch" wichtige fördernde Erfahrungen, schöne Augenblicke mit geliebten Menschen (mit Fotos), wesentliche Einsichten über meine Struktur, auch zu der Art, wie ich bei seelischer Überforderung "überreagiere" (je nach dem werde ich aggressiv oder bin total niedergeschlagen oder auch überaktiv ...). Ich notiere mir dazu Dinge, die mir geholfen haben, wieder "ins Lot" zu kommen. Eine wichtige Rubrik sind Notizen zu dem Satz: Was meinem Leben Sinn gibt / was mein Leben glücklich macht. In Krisen wird dieser persönliche Ratgeber wichtig. 

  • Ich gewöhne mir an, jeden Tag eine Zeit der Stille in meiner persönlichen Gebetsecke (Hausheiligtum) zu verbringen, in der ich Gott, der Gottesmutter kurz erzähle, wie es mir geht. Es muss nicht lang sein, aber es sollte jeden Tag sein, auch wenn ich nicht "in Stimmung" bin, damit der "Faden nach oben" aktiviert ist, wenn Krisen kommen. 

  • Ich frage mich nach Gesprächen mit mir nahestehenden Menschen immer wieder einmal: Könnte mir diese Person auch eine Hilfe sein, wenn ich mit mir selbst nicht mehr klar komme? Da, wo ich Halt erlebe, ist es gut, die Beziehung bewusst zu pflegen. 

Dies sind nur einige Ratschläge. Jede wird sicher noch manches für sich ergänzen können. Entscheidend ist schließlich das eine: Diese Haltpunkte sind dazu da, uns durch Krisenphasen hindurchzuhelfen, bis mancherlei "Sirenen" ihren Zauber verlieren. Dann erst wird es möglich, mit Hilfe unserer "inneren Stimme" die nächsten Wachstumsaufgaben anzugehen. Und darum geht es ja: lebenslang zu der uns bestimmten Größe zu wachsen.

 

Aus: BEGEGNUNG - Zeitschrift aus Schönstatt für Frauen, 2/2011

http://www.zeitschrift-begegnung.de/


 

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