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Rhythmus des Lebens

Dr. med. Mirjam Bechtold,


Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben ,…, eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen, eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, ,eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz, …, eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen… (Koh 3,1-8)

 

Es ist spannend, diese Worte aus dem Buch Kohelet einmal bewusst aus der Perspektive einer Frau zu betrachten. Im weiblichen Zyklus sind sie sozusagen in „Fleisch und Blut“ übergegangen.

 

Das Erleben wird dabei im Wesentlichen von zwei Hormonen bestimmt. In der ersten Zyklushälfte, d.h. in der Zeit bis zum Eisprung entfalten Östrogene ihre Wirkung. (Östrogene, von grch. οἶστρος oístrŏs / oestrus „Stachel, Leidenschaft“).

eine Zeit zum Bauen… Sie sorgen unter anderem für den Aufbau der Schleimhaut in der Gebärmutter und verändern den Schleim am Muttermund, so dass er männlichem Samen optimale Voraussetzungen für das Fortbewegen und Überleben bietet. So sind beste Bedingungen für die Entstehung neuen Lebens gegeben. Aber die Östrogene bewirken noch viel mehr: die Haut wird glatter und reiner, unser Duft verändert sich,

eine Zeit für den Tanz… wir bewegen uns anders und spüren mehr Begehren und Sehnsucht nach körperlicher Nähe.

eine Zeit zum Umarmen… Sogar sprachliche Fähigkeiten, wie kreative Ausdruckskraft und Gesprächsbereitschaft nehmen zu.

 

Nach dem Eisprung steigt der Gestagenspiegel im Körper an. (Gestagene, von lat. gestare „tragen“ und „sich tragen lassen“) Das Hormon wandelt die Gebärmutterschleimhaut in einen nährstoffreichen, „einladenden“ Ort für die mögliche Einnistung einer befruchteten Eizelle. Zusätzlich verdicken Gestagene den Schleim am Muttermund und bilden so eine Schutzfunktion gegenüber äußeren Einflüssen.

und eine Zeit, die Umarmung zu lösen… Zudem sinkt der Blutdruck, die Muskulatur entspannt und ein erhöhtes Ruhebedürfnis wird spürbar.

und eine Zeit zum Lachen… Oftmals wird auch eine vermehrte seelische Ausgeglichenheit und Geduld erlebbar.

 

Sinkt der Hormonspiegel am Zyklusende ab, weil keine Schwangerschaft eingetreten ist, so kommt es zum Abbluten der Gebärmutterschleimhaut.

eine Zeit zum Niederreißen… Der Körper „verabschiedet“ sich gewissermaßen von Altem, um Raum zu schaffen für einen Neubeginn. Wie jeder Abschied gehen diese Tage nicht spurlos an der Frau vorüber,

eine Zeit für die Klage… sondern sind manchmal begleitet von Schmerz und seelischer Unausgeglichenheit. …eine Zeit zum Weinen…

 

Auch die Zählweise des weiblichen Zyklus - der Anfang der Blutung markiert den ersten Tag des Zyklus, und sogar beim Berechnen des Schwangerschaftsalters gilt er als Tag 1 – ist ein großartiges Bild dafür, dass das Loslassen selbst bereits der Beginn für Neues (im) Leben ist.

 

Das Erleben und Mit-Erleben des weiblichen Zyklus kann so zu einem Stück Lebens-erfahrung werden: …alles hat seine Zeit.

 

Dr. med. Mirjam Bechtold ist Ärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe


 

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