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Sehnsucht nach dem inneren Gleichgewicht

Claudia Brehm,

 

Was ist mein größter Wunsch für dieses Jahr? So fragten sich zu Beginn dieses Jahres sechs Frauen, die sich monatlich treffen; sie sind unterschiedlichen Alters, haben unterschiedliche familiäre Situationen und Berufe. Die Antworten? „Meine Mitte finden.“ „Ausgeglichen sein.“ „Im Gleichgewicht bleiben.“ „Im Lot sein.“ „Arbeit und Leben in Einklang bringen“. Von den Worten her unterschiedliche Antworten, von der Bedeutung aber sehr ähnlich. Die Sehnsucht zielt auf ein Leben in Balance.

 

Ein Leben in Balance

Balance wird übersetzt mit: Gleichgewicht von zwei entgegenwirkenden Kräften. Entgegenwirkende Kräfte finden sich, weiß Gott, genug in unserem Leben: Arbeit und Ruhe, Ernst und Humor, Spannung und Entspannung, Planung und Spontaneität, glauben und zweifeln, Verantwortung tragen und Verantwortung abgeben usw. Das Interessante dabei ist, dass durch das Gleichgewicht zweier entgegengesetzter Kräfte ein Zustand innerer Ruhe entsteht, in dem wir Frieden und Zufriedenheit erleben.

 

Die gleiche Wortwurzel wie in Balance steckt auch in dem Wort Bilanz: Eine Bilanz soll die Posten Soll und Haben, Gewinn und Verlust, Ausgaben und Einnahmen ins Gleichgewicht bringen. Ähnlich hoffen wir, dass sich in unserem Leben Höhen und Tiefen, Enttäuschungen und Erfüllung, Freude und Leid immer wieder ausgleichen. Der heilige Benedikt riet den Verwaltern seiner Klöster, sie sollten am Ende des Jahres ihrem Konvent nicht nur eine ausgeglichene Zahlenbilanz vorlegen, sondern in sich selbst die Balance bewahrt haben. Der Verwalter möge sich von den Problemen der Verwaltung nicht aus dem inneren Gleichgewicht bringen lassen, sondern alles mit einem ruhigen, weiten Herzen beurteilen.

 

Balancen leben von der Ruhe ...

„Nur in einem ruhigen Gewässer spiegelt sich der Himmel!“ So lautet ein Sprichwort. Ein wichtiger Hinweis für unser Leben als Frau. Wir Frauen haben das Recht, immer wieder auch nur für uns selbst da zu sein, etwas zu tun, was uns nützt oder gefällt. Einfach untätig zu sein, ohne dass wir uns dafür entschuldigen müssen. Uns zurückzuziehen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Etwas auszuprobieren, ohne im Voraus sagen zu können, ob es etwas bringt. Das hat nichts mit Egoismus zu tun, sondern mit der Achtung vor uns selbst und mit der Sorge, die wir für uns tragen müssen, um seelisch und geistig bei Kräften zu bleiben. Es ist die selbstverständliche Zuneigung zu uns selbst, die wir immer mehr lernen dürfen und die so wichtig ist, um der alltäglichen Hektik etwas entgegenzusetzen.

 

... und von der Weite

Wenn wir die Füße eng aneinander stellen, haben wir wenig Stehvermögen; wenn wir sie etwas weiter auseinander stellen, kann uns so schnell niemand umwerfen. Wir brauchen eine gewisse Weite, um uns nicht von jeder Enttäuschung oder Verletzung aus der Balance werfen zu lassen. Weite entsteht, wenn ich immer wieder aus dem Alltag heraustrete, einen Schritt zurücktrete, einen Gang zurückschalte, mich ausklinke. Dadurch weitet sich mein Blickwinkel: weg vom starren Fokussiert sein auf nur einen Punkt, hin zum Überblick, so dass ich plötzlich erkennen kann: Hier ist etwas, das ich bisher nicht beachtet habe, hier könnte sich noch ein Weg auftun. Oder: Hier ist mein Vertrauen gefordert, mein Mich-Ausliefern an Gott, damit ich seine Lösung sehen und realisieren kann.

 

Balancen leben vom „und“

Ohne das Bindeglied „und“ gibt es keine Balance. Geglücktes Leben braucht immer beide Pole: Eltern werden und Paar bleiben. Planen und spontan sein. Festhalten und loslassen ... Ich mache die Erfahrung: Immer, wenn ich das „und“ übersehe, gerate ich aus der Balance. Wenn ich etwa in meinem Kind nur die Aggression oder Unehrlichkeit sehe, werde ich unsicher, zweifle an meiner Erziehung und werde ihm nicht gerecht. Das „und“ im Blick zu behalten – er kann unglaublich gut erzählen oder werken oder führen – wäre sehr entspannend. Das „und“ entlastet auch unseren Lebensentwurf: Ich bin nicht nur Frau oder Mutter, Erzieherin oder Verkäuferin, ich bin Frau und Ehepartnerin, Mutter und Berufstätige bzw. ehrenamtlich Engagierte usw.

 

Balancen sind bewegt

Balancen sind im Fluss, im Spiel. Spiel hat immer mit Spielraum zu tun. Je klarer und größer mein Spielraum, desto interessanter das Spiel. Fußball ist deshalb so interessant – so Hartmut Böhme –, weil Ordnung und Chaos, feste Regeln und Zufall, Vorhersehbares und Unvorhersehbares sich abwechseln.

Jede von uns hat die Fähigkeit in sich, Brücken zu bauen und Verbindungen herzustellen zwischen völlig unterschiedlichen Polen. Es ist hilfreich, statt der trennenden „Entweder-oder-Haltung“ die zusammenführende „Sowohl-als-auch-Haltung“ einzunehmen. Diese Haltung führt nicht nur in den kritischen Feldern, sondern auch in mir selbst zu mehr Ausgeglichenheit und Balance.

 

Balancen werden oft durch Krisen ausgelöst

Wenn wir in einer Krise stecken, geht es uns schlecht; diese Erfahrung haben wir alle schon gemacht. Manchmal dürfen wir aber feststellen, wie gerade durch eine Krise neue Horizonte in unserem Leben aufgehen, die wir ohne die Krise nie wahrgenommen hätten. So hat manche berufliche Veränderung, die uns jetzt ausgewogener leben lässt, ihren Anfang vielleicht durch eine Krankheit genommen. Es kann sein, dass uns immer wieder ein anderes Familienmitglied aus der Balance bringt. Der Sinn ist nicht, dass Unordnung und Unruhe in unsere Familie kommen, sondern dass der Mut wächst, da, wo Schieflagen herrschen, manches neu ins Gleichgewicht zu bringen. „Ich werde nie vergessen“, sagte Susanne neulich, „wie durch das Herholen meiner alten Mutter – neben all der Mehrarbeit und Belastungen – unsere Tochter plötzlich selbständiger, sicherer und erwachsener wurde, einfach weil sie spürte, dass sich jetzt nicht mehr alles um sie drehen kann, sondern dass sie gebraucht wird als Mitarbeiterin bei der Betreuung von Oma.“

 

Halten und Freigeben in der Erziehung

Halt geben geschieht durch das Aufbauen von starken Beziehungen zum Kind – und diese entwickeln sich, allem andersgearteten Schönreden zum Trotz, durch eine anhaltende Präsenz in den ersten drei Lebensjahren durch mindestens eine Bezugsperson, in der Regel die Mutter.

Halt bieten auch feste Regeln, die sich eine Familie erarbeitet. Spielräume können nur da entstehen, wo es feste Grenzen gibt, wo ein umzäunter Platz das Innen und Außen deutlich macht. Je klarer die Regeln – angepasst an das Alter und die Entwicklungsphasen der Kinder –, desto eher kommt es zur wohltuenden Balance. Wie gut tun zum Beispiel Aufsteh- und Zu-Bett-Geh-Rituale, Heimkomm- und Hausaufgaben-Rituale, Im-Haushalt-Helfen-Rituale, Computerzeit-Rituale. Gerade letztere sind für unsere heutige Zeit besonders erforderlich. Arbeit oder Spiel am Computer lassen leicht die Zeit vergessen. Wir überfordern unsere Kinder, wenn wir meinen, den Umgang mit dieser Technik vertrauensvoll ihnen überlassen zu können, weil wir ja mal ausgemacht haben, dass zu viel Computer-Spielen schade. Leichter fällt es, wenn der Computer nicht im Zimmer der Kinder, sondern im Wohnraum der Familie steht. Dann bekomme ich als Mutter mit, wenn die Zeit überzogen wird oder trotz aller Verbote das Ballerspiel Einzug gehalten hat.

 

Maßvoll Verantwortung abgeben

Ich lasse meinem Kind seine altersgemäße Verantwortung. Mit steigendem Alter gebe ich mehr Verantwortung ab und übergebe Bereiche an mein Kind. Das Richten der Schulmappe ist in seiner Verantwortung, nicht in meiner. Wenn ich früher auf Wunsch nachmittags Haferflocken serviert habe, muss ich das nicht noch machen, wenn mein Sohn inzwischen elf ist, er ist inzwischen fähig (aber vielleicht zu faul), sie sich selbst zu richten.

Die Frage: Was steht noch in meiner Verantwortung, was schon in der des Kindes? muss immer neu bedacht werden. Wenn wir zu wenig Verantwortung abgeben, geraten unsere Kinder in die Verwöhnungsfalle; wenn wir zu viel Verantwortung abgeben, überfordern wir sie und stören damit ihre innere Entwicklung zu Sicherheit und Eigenverantwortung.

Vielleicht sollten wir uns persönlich üben in unserer Verantwortung Gott gegenüber. Er teilt seine Verantwortung mit mir. Ich weiß mich und mein Leben mit allen Schwächen und Verbiegungen von ihm getragen. Dass ich lebe, dafür trägt er die Verantwortung – wie ich lebe, da bin ich selbst verantwortlich, mit ihm an meiner Seite. Je älter unsere Kinder werden, desto mehr Verantwortung geht auf sie über; wir sind nur noch an ihrer Seite.

 

Als Paar auf der Suche nach der Balance

Bei den vielfältigen Anforderungen in Gesellschaft und Beruf ist es eine große Herausforderung, unser Miteinander als Paar ausgewogen zu gestalten. Es ist hilfreich, wenn wir unser Balancier-Seil zwischen den zwei Polen Nähe und Ehrfurcht aufspannen: Nähe aufbauen durch gemeinsame Unternehmungen, Gespräche darüber, wie es uns geht, wie wir denken, Austausch von Zärtlichkeiten, einander danken für „Selbstverständlichkeiten“ ... Trotz aller Gemeinsamkeit und Nähe dürfen wir uns aber auch bewusst sein, dass der Partner mein Leben zwar begleiten kann, aber letztlich immer der ganz andere bleiben wird. Das alte Wort Ehrfurcht drückt aus: Ich sorge für deine Ehre; Wertschätzung und Respekt sind mir wichtig. Ich respektiere deine Privatsphäre, beachte deine Grenzziehungen – immer in dem Wissen, dass du mir in vielem vertraut und bekannt bist, aber letztlich ein Geheimnis bleiben wirst. Dieses Wissen ist kostbar; es bewahrt davor, nur auf die Fimmel und Macken des Liebsten zu starren – und irgendwann das vernichtende Urteil zu sprechen: „Ich kenne alles von dir! O, ist mir langweilig!“

 

Das schafft er wohle!“

Neulich kam ich an einem Spielplatz vorbei. Einige Kinder hüpften leichtfüßig über den Schwebebalken. Dann bestieg ein kleiner, rundlicher Junge den Balken. „Das schaffst du nie!“, schrie ein Junge mit Strähnchenfrisur. „Das schafft er wohle!“, gab ein anderer zurück, stieg auf den Balken und ging langsam vor dem kleinen Jungen her. Einmal legte dieser ihm schnell die Hand auf die Schulter, um das Gleichgewicht auszutarieren, dann waren sie drüben auf der anderen Seite. – Wie das doch gut tut, denke ich, wenn da Einer ist, der mir vorausgeht mit dem aufmunternden Wort: „Das schaffst du wohle!“ Mit dieser Zusage kann ich mich auch wieder in den wilden Strudel stürzen, der manchmal aufkommt, wenn im Alltag alles außer Balance gerät – denn durch das Ausbalancieren wird sich wieder ein neues Gleichgewicht einstellen.

 

Aus: BEGEGNUNG, Zeitschrift aus Schönstatt für Frauen, 2/2012

www.zeitschrift-begegnung.de


 

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