Sonnenuntergang in Calis, Türkei © S. Glas

Ansteckend schön - Von der Faszination der Werte

Sr. Nurit Stosiek,


Der Begriff „Werte“ wird heute viel und vielfältig verwendet. Was aber meinen wir, wenn wir von Werten sprechen? Es ist nicht einfach, darauf eine Antwort zu geben. Versuchen wir es mit einem Vergleich: Unser Körper braucht bestimmte Nahrungsstoffe, um sich gesund zu entfalten. Nicht jedem bekommt jedes Nahrungsmittel. Zu einem gesunden Lebensgefühl gehört das Wissen: Welche Nahrung hilft mir, gesund zu bleiben? Doch gibt es bestimmte Grundstoffe, die jeder menschliche Körper braucht, wie umgekehrt auch manche Dinge jedem menschlichen Körper schaden, je nachdem sogar tödlich sein können. Ähnlich ist es bei unserer Persönlichkeitsentwicklung: Wir brauchen bestimmte Nährstoffe, um uns als Menschen gesund zu entfalten.

 

Werte sind „Seelennahrung“

 

Werte sind Seelennahrung, sie antworten auf den Hunger der Seele. Sie lassen uns unsere menschliche Würde erleben. Das ist gerade heute bedeutsam, denn immer mehr Menschen ringen um dieses Lebensgefühl, einmalig und unverwechselbar zu sein. Viele fühlen sich minderwertig. Welches Lebensgefühl muss etwa ein Grundschüler haben, der zu seiner Lehrerin sagt: „Meine Mama kann mich nicht mehr brauchen, sie zieht zu ihrem Lebensgefährten.“ Eine Studentin schreibt von einem Praktikum im Heim: „Viele Kinder und Jugendliche hier halten sich für absolute Dummköpfe, und oft bringen sie zum Ausdruck, dass sie eigentlich nicht wissen, was sie auf der Welt zu suchen haben, sie wären ja doch nur Stress für alle, denen sie begegnen.“

Wo Menschen nicht vital ihre Würde erleben, werden sie aggressiv oder antriebslos. Sie sehen keinen Sinn und zeigen in ihrer Persönlichkeit Mangelerscheinungen. Sie sind seelisch „unterernährt“.

Werte sind die „Seelennahrung“, die uns unsere Würde erleben lässt. Dabei geht es nicht zunächst um die vitalen Werte – Wellness, ein gutes Essen, körperliches Wohlgefühl –, sondern um geistige und seelische Werte: Schönheit, Liebe, Treue, Wahrhaftigkeit. Indem wir sie erleben, kommen wir in Berührung mit dem Besten in uns selbst.

 

Werte sind Spiegel der Seele

 

Durch das Erleben von Werten können wir unsere innere Schönheit wahrnehmen. Je mehr es gelingt, einen Menschen für Werte aufzuschließen, um so weiter und reicher wird seine Persönlichkeit.

 

Werterfahrung ist mehr als bloße Wahrheitserkenntnis: Wo wir von einer Wahrheit mit unserer ganzen Person angesprochen sind, sie als anziehend erleben, Geschmack daran finden, da wird sie uns zum Wert. Pater Kentenich bringt als Beispiel die Entfaltung eines Kindes: Ein Wissenschaftler kann sie entwicklungspsychologisch untersuchen und dabei viele wahre Aussagen über das Kind machen, ohne persönlich davon fasziniert zu sein. Eine Mutter, die ihr Kind liebt, beobachtet bei ihm dieselben Fortschritte wie der Wissenschaftler. Bei ihr aber weckt diese Erfahrung Freude, Dankbarkeit, noch größere Liebe. Die Wahrheit ist dieselbe, ob sie der Psychologe oder die Mutter wahrnimmt. Doch die Mutter liebt ihr Kind, und diese Liebe gibt ihr eine tiefere Werterkenntnis.

 

Werterkenntnis hat auf unsere Seele eine eigenartige Wirkung: Das Kosten-Nutzen-Denken („Was bringt mir das?“) wird gesprengt, tiefere Gefühle wie Staunen, Dankbarkeit, Liebe werden wach. Der Wissenschaftler, der bei dem Kind eine interessante Entdeckung macht, mag noch denken: Das kann ich als besonders gutes Beispiel für meine Studie brauchen. Eine Mutter, die die Entwicklung ihres Kindes wahrnimmt, denkt nicht so. Sie ist einfach glücklich darüber.

Jede echte Werterkenntnis ist ein Werterlebnis. Es ergreift den Menschen und drängt ihn, seinerseits den Wert als etwas ganz Kostbares zu ergreifen, sich ihn anzueignen.

 

Werte werden durch „Ansteckung“ übertragen

 

Werte wirken ansteckend. Diese „Ansteckung“ ist vor allem da wirksam, wo wir auf „unsere“ Werte stoßen. Auch hier wieder der Vergleich zur Nahrung: Jeder Mensch isst bestimmte Dinge lieber als andere – oft deshalb, weil darin genau die Stoffe enthalten sind, die sein Körper braucht. Ähnlich ist es mit der Seelennahrung. Auch da hat der Einzelne „Lieblingsspeisen“: Werte, die ihn sättigen, die in ihm besonders viel Resonanz finden. In jedem Menschen ist „eine ganz bestimmte Wertempfänglichkeit tätig und wirksam“ – so Pater Kentenich –, „die am Schlummern ist, die aber sofort in Aktivität tritt“, sobald sie „ihrem“ Wert begegnet. Wer mit der Zeit herausfindet, welche Werte „seine“ sind, hat damit eine zuverlässige Spur, sein Persönliches Ideal zu entdecken.

 

Der intensivste „Übertragungsfaktor“ für Werte sind Menschen, die diese Werte verkörpern, die so etwas wie eine lebende Wertetafel sind. Werte werden nicht zunächst durch Belehrung, sondern durch Beziehung vermittelt. Daraus ergibt sich:

 

Die Bedeutung von Vorbildern

 

Werte müssen vorgelebt werden. „Damit es Kindern gelingt, sich im heutigen Wirrwarr von Anforderungen, Angeboten und Erwartungen zurechtzufinden, brauchen sie Orientierungshilfen, also äußere Vorbilder und innere Leitbilder, die ihnen Halt bieten und an denen sie ihre Entscheidungen ausrichten“, so der Göttinger Hirnforscher Gerald Hüther. Die Art, wie ein Vorbild Werte verkörpert und im Alltag vorlebt, bewirkt im kindlichen Gehirn entsprechende Verschaltungen. Auf diese Weise wird das Kind überhaupt erst fähig, eigene innere Leitbilder zu entwickeln.

 

Vorbilder sind nicht „Schablonen“, nach denen sich andere formen, sondern Erwecker. Sie lösen im Gegenüber eine Wertbewegung aus, die sich ganz individuell Ausdruck verschafft in einer originellen Persönlichkeit.

Der österreichische Komponist Anton Bruckner sagte im Rückblick auf sein Leben: „Jedesmal, wenn ich ehrfürchtig aufgeschaut habe zur Mutter oder zum Vater, zu einem meiner Meister oder gar zu Gott, da ist mein Herz weit und groß geworden. Aus solchem Zustand habe ich meine schönsten Sachen geschaffen.“

Der Aufblick zu Vorbildern, die ihm Werte ins Herz legten, habe sein Inneres „weit und groß“ gemacht, sagt Bruckner. Damit ist ein weiteres angedeutet:

 

Werte weiten die Persönlichkeit und machen frei

 

Immer wieder ist heute in Zusammenhang mit der Freiheit der Begriff der „Wert-Freiheit“ zu hören. Dahinter steht nicht selten die Meinung: Jeder ist frei, seine Werte selbst zu definieren. Da in unserer Gesellschaft die gegensätzlichsten Dinge als „Wert“ gelten, wechseln immer mehr Menschen ihre Wertvorstellungen entsprechend den Trends. Um aber die Kraft von Werten erleben zu können, müssen wir uns an sie binden und sie konsequent ins Leben umzusetzen suchen – unabhängig davon, ob sie gerade „im Trend“ liegen oder nicht. Werte sind keine Modefrage, sondern eine Lebensfrage. Sie sind das Innengerüst, das unsere Persönlichkeit trägt und ihr Profil gibt. Sie helfen uns, uns als das einmalige Original zu verwirklichen, als das Gott uns gedacht hat.

 

Der Therapeut Abraham Maslow hat vor Jahren die Persönlichkeit großer Menschen – aus früheren Jahrhunderten sowie auch Zeitgenossen – untersucht, Menschen, die nach seiner Einschätzung ein hohes Maß an Selbstverwirklichung erreicht haben. Solche Menschen, sagt er, haben einen klareren und tieferen Blick für andere sowie für das Zeitgeschehen. Sie sind fähig zu tieferen und wertvolleren Beziehungen. Und schließlich beobachtet Maslow bei solchen Menschen eine „gesteigerte Unberührtheit“ von der umgebenden Gesellschaft, eine Unberührtheit, die sich in den eigenen Werten nicht irritieren und verfremden lässt.

 

In Pater Kentenich, dem Gründer der Schönstattbewegung, haben wir einen solchen Menschen erlebt. Eine Lebensphase, in der sich dies besonders deutlich zeigt, sind die Jahre, die er als Häftling in einem Konzentrationslager verbringen musste. Pater Kentenich bezeugte später: „Ich wollte meine Seele so aus dem KZ herausbringen, wie ich sie hineingenommen habe. Ich habe gar nichts angenommen.“ – Ein Mithäftling erzählt, Pater Kentenich sei in allen Situationen des KZ-Lebens unerschrocken er selbst geblieben.

 

Das Geheimnis heißt Bindung

 

Mitten in den Verhältnissen des Konzentrationslagers schreibt Pater Kentenich ein Lied, in dem er die großen Werte des Menschseins besingt. Er beschreibt die Vision von einem Land, in dem Liebe, Reinheit, Freiheit, Freude, Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit sowie Hochgemutheit prägend sind. Das Geheimnis dieses Landes tritt im Refrain ans Licht: Es ist die Bindung an Maria. Auf der dunklen Folie des KZ-Lebens stellt er den Erfahrungen der Unmenschlichkeit die Erfahrung gegenüber, dass Menschsein zumindest einmal voll gelungen ist: in Maria. Und dass es gelingen kann, wenn Menschen sich wie sie und mit ihrer Hilfe in Liebe binden – an Werte, an andere Menschen, an Gott. Nur der in Liebe gebundene Mensch ist fähig, sich Werten zu öffnen, die weiter reichen als die Gourmet-Angebote eines satten Lebens. Und diese Werte braucht unsere Gesellschaft. Pater Kentenich hat schon vor Jahrzehnten signalisiert, „dass alle modernen Krisen ... zutiefst Seelenkrisen sind. Auf die Dauer kann der Mensch nicht bloß vom Brot leben, er braucht etwas Höheres, er braucht Geist, er braucht Gott“, so schreibt er.

 

Unsere Gesellschaft steht vor massiven wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen. Aber die eigentliche Herausforderung liegt tiefer: Ob es gelingt, den Hunger der Seele nach Mehr zu stillen, den Hunger nach geistigen Werten wie Liebe, Verlässlichkeit, Wahrhaftigkeit im Miteinander – letztlich den Hunger nach Gott.

Eine große Herausforderung gerade für uns Christen – eine schöne Herausforderung, die uns nicht bedrücken, sondern uns beflügeln sollte, die Schönheit unserer Werte offen zu leben. Denn eines ist sicher: Werte werden – nur – durch Ansteckung übertragen.

 

Impuls

- Welche Aussage berührt mich besonders?

- Gibt es eine Anregung, an der ich persönlich weiterdenken möchte?

- Welchen konkreten Schritt will ich gehen?

 

Aus: BEGEGNUNG – Zeitschrift für Frauen aus Schönstatt – 4/2010

www.zeitschrift-begegnung.de


 

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