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Big Five

Klaus Glas,


Wir wissen nicht, wie es wirklich war. Aber wir können uns vorstellen, wie Thomas Gottschalk schon als Junge ein Mikrofon hält und Moderator spielt. Vielleicht war er in der Schule der Klassenclown, der seine Kameraden unterhielt - und seine Lehrer milde lächeln ließ. Er ist ja ein „good guy“. Als Ministrant
der Kulmbacher Stadtpfarrkirche „Unserer Lieben Frau“ hat er zu Orgelklängen mitgesungen, aber nach dem Gottesdienst eine Beatles-Platte aufgelegt.

 

Unterschiede in der Persönlichkeit zeigen sich früh. Das wissen Eltern von inzwischen erwachsenen Kindern nur zu genau. Manche - wie der kleine Thomas - sind von Kindesbeinen an Frohnaturen. Andere sind schüchtern und hängen meist an Mutters Rockzipfel.

 

Das Temperament bestimmt das Aroma der Persönlichkeit

 

Die antike Temperamenten-Lehre, wonach das Zusammenspiel von vier Körpersäften den Charakter eines Menschen bestimmen, hat Jahrhunderte lang unsere Vorstellungen geprägt. Hippokrates (460 - ca. 370 v. Chr.) unterschied Sanguiniker, also Menschen vom Schlag eines Thomas Gottschalk, von Cholerikern, Melancholikern und Phlegmatikern. In den letzten Jahren haben Psychologen drei Temperament-Typen herausgefiltert. Demnach gibt es schüchtern-gehemmmte, impulsiv-unbeherrschte und ich-starke Kinder. Jedes zweite Kind gehört der zuletzt genannten Gruppe an. Aber auch Kinder mit schwierigem Temperament können sich gut entwickeln.

 

Vorausgesetzt, die Eltern unterscheiden zwischen Charakter und Verhalten. Wer mehr auf die inneren Werte achtet, kann dem Kind helfen, seine Stärken zu entfalten. Das Temperament ist angeboren. Es bestimmt wesentlich das Aroma der reifenden Persönlichkeit. Damit dieses sich in rechter Weise entfaltet, braucht es die feinfühlige Erziehung der Eltern und die Selbst-Erziehung des Heranwachsenden.

 

Big Five: 5 Dimensionen der Persönlichkeit

 

In den letzten 20 Jahren fanden Psychologen fünf Faktoren, in denen sich Personen unterscheiden: Extraversion, Emotionale Instabilität, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Offenheit für neue Erfahrungen. Diese „Big Five“ bilden grundlegende Dimensionen der Persönlichkeit ab. Sie legen fest, wie eine Person denkt, fühlt und handelt. In mehr als 50 Kulturen hat man die „Big Five“ nachweisen können. Dabei sind die Tschechen Spitzenreiter bei der Verträglichkeit. Bei der Gewissenhaftigkeit liegen die Deutschen weit vorne, allerdings hinter ihren Schweizer Nachbarn.

 

Die „Big Five“ erhebt man mit Fragebögen, die zwischen 50 und 240 Selbstbeschreibungen enthalten. Entsprechend den Ankreuzungen ergeben sich fünf Werte auf Skalen, die jeweils zwischen zwei Extrempolen liegen. So ist man nicht entweder extrovertiert oder introvertiert, sondern liegt irgendwo dazwischen. Für sich genommen ist ein Zahlenwert weder gut noch schlecht. Es ist wichtig, ein Persönlichkeitsprofil als ganzes zu beurteilen.

 

Was meinen nun die „Big Five“ im einzelnen? Unter Extraversion versteht man die natürliche Veranlagung zum Glücklichsein. Extrovertierte, wie Thomas Gottschalk, sind selbstbewusster, geselliger und energievoller als Introvertierte. Sind sie religiös, quälen sie sich nicht mit Gesetzen und Geboten. Sie genießen einfach die Nähe Gottes.
Introvertierten Menschen haben wir viel zu verdanken: Dichter und Denker sind darunter, aber auch Musiker. Der Entertainer Jürgen von der Lippe sagt von sich, er sei seinem Wesen nach eigentlich schüchtern. Introvertierte lesen gerne Bücher. Introvertierte Mütter und Väter kümmern sich um ihre Familie. Sie haben wenige, aber gute Freunde – und das über Jahrzehnte.

 

Emotionale Instabilität zeigt sich in der Neigung zu Nervosität und Nörgeleien. Personen mit dieser Eigenschaft sind besorgt, weil sie immer mit dem Schlimmsten rechnen. Aber auch Ängstliche haben eine wichtige Funktion: sie wittern das Bedrohliche und Böse und weisen die anderen darauf hin, dass etwas dagegen unternommen werden muss.

Wer emotional stabil ist, geht mit einer gewissen Leichtigkeit durchs Leben. Er ist so schnell nicht aus der Ruhe zu bringen. Emotional Gefestigte leben nach dem Motto „Mit meinem Gott spring' ich über Mauern!“ Sie sind gesünder als emotional instabile Menschen, die oft unter Kopfweh, Schwindel und Rückenschmerzen leiden.

 

Menschen mit hoher Verträglichkeit hat man gerne als Nachbarn. Sie sind freundlich und hilfsbereit. Sie arbeiten als Krankenschwester, Psychologe oder Seelsorger, weil ihnen der direkte Kontakt mit Menschen wichtig ist. Während solche altruistischen Arbeiter dem Prinzip Kooperation folgen, haben aggressivere Kollegen das Konkurrenz-Motiv auf ihr Schild gehoben. Sie gehen keinem Konflikt aus dem Weg. Ihre Aufgabe unter Gottes Sternenzelt: Sie sind der lebende Beweis dafür, dass Leid zum Leben gehört. Und sie sind manchem der Stachel im Fleisch, der sie zu wichtigen Veränderungen antreibt.

 

Gewissenhafte Menschen kümmern sich planvoll um die alltäglichen Dinge des Lebens. Zuverlässige Mitarbeiter sind weniger krank und das Rückgrat jeder Firma. Für die Ehe ist es nachgewiesenermaßen von Vorteil, wenn beide Partner ein gewissenhaftes Naturell haben. Diese Ehen sind stabiler und glücklicher. Pflichtbewusste Menschen leben auch länger. Johannes Heesters, der noch im hohen Alter eisern Rollen einstudierte, ist der beste Beweis. Er wurde 108 Jahre alt.
Die liebenswerten Chaoten dagegen planen nicht lange, sondern probieren erst Mal aus. Statt Selbst-Disziplin zu üben, suchen sie Spaß. Im mittleren Lebensalter sind sie allerdings auch weniger von einem Burnout-Syndrom betroffen.

 

Was wäre die Welt ohne Kolumbus und Kentenich? Wir wüssten weniger von Amerika und von dem „Gott des Lebens“. Menschen mit einer großen Offenheit für Neues müssen gegen die Mentalität des „Das haben wir schon immer so gemacht!“ ankämpfen. Tief in ihrer Seele spüren sie „Hinterm Horizont geht’s weiter!“ Sie freuen sich an allem, was originell ist: interessanten Menschen und reizvollen Aufgaben.

Am entgegengesetzten Pol finden sich Personen, die konservativ sind, die das Gute bewahren. Sie sind die Standfesten, die wie Felsen in der Brandung des Lebens stehen.

 

Jeder Mensch hat sein eigenes Persönlichkeits-Profil. Gott liebt originelle Persönlichkeiten. Der Priester und Pädagoge Josef Kentenich war überzeugt, dass in jedem ein „Gedanke Gottes“ schlummert, der durch das persönliche Leben buchstabiert und ausgesprochen werden will.

in: "basis - Zeitschrift aus Schönstatt", 4/2012  

 

Tipp:

Einen kostenlosen Persönlichkeitstest, der die fünf Persönlichkeitsdimensionen
(„Big Five“) erfasst, finden Sie hier:
Big-Five-Persönlichkeits-Test


 

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