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In aller Freiheit

Regina Hagmann,


Wir leben in einer freien Welt. Wir treffen freie Entscheidungen. Wir gestalten frei unser Leben. Meinen wir.

 

„Ich möchte auf jeden Fall heiraten und viele Kinder bekommen. Mein Mann darf mal kein Langweiler sein, lustige und kreative Seiten soll er haben und nicht so ein gewöhnlicher Beamtentyp sein.“ Schon als junger Frau war einer guten Freundin klar, wie sie einmal leben möchte. Sie hatte Glück. Sie lernte einen Mann kennen, der selbständig einen kreativen Beruf ausübt und mit ihr die Freude an einer großen Familie teilte. Da gibt es aber auch die vielen anderen Lebenserfahrungen. Der Wunsch nach Kindern, die nicht geboren werden. Das schöne Haus, das Sicherheit schenken soll aber einfach in der heimischen Gegend nicht bezahlbar ist. Die Sehnsucht nach Erfolg im Berufsleben, der schwer erarbeitet wird und für den manchmal ein hoher Preis bezahlt werden muss.

 

Leben passiert

Ich kenne das. In meiner Phantasie male ich mir diese oder jene Situation aus, freue mich darauf und muss dann feststellen, dass das Leben eigene, andere Wege geht. Immer sind es die Bilder, die wir Menschen uns von etwas Zukünftigem machen und die uns häufig den Blick verstellen für das, was gerade für uns dran ist. Von John Lennon wird der Satz überliefert: „Leben ist das, was passiert, während Du fleißig dabei bist, andere Pläne zu schmieden.“

 

Andererseits können wir uns auch nicht nur in unserer Schaukelstuhl setzen und warten, dass etwas geschieht. Der Weg unseres Lebens schiebt sich beim Gehen unter unsere Füße und nicht beim Warten. Und um gehen zu können brauchen wir eine Idee, wohin der nächste Schritt zu setzen ist. Da gilt es nachzuspüren, in mich hinein zu horchen, Gottes Stimme in meinem Inneren und den Spuren im Alltag zu folgen. So weit, so gut. Doch was geschieht, wenn ich glaube deutliche Zeichen wahrzunehmen, der gewünschte Weg sich aber als unpassierbar erweist?

 

Innere Freiheit?

In einem Interview sprach ein Fußballspieler über die große Kunst, verlieren zu können. Für ihn sei es die größte Herausforderung im Spiel alles zu geben und unbedingt gewinnen zu wollen, im Falle einer Niederlage aber gelassen vom Platz gehen zu können im Wissen, dass auch diese zum Leben gehöre. Da klingt eine innere Freiheit durch, nicht darauf angewiesen zu sein, dass das Leben nur nach den eigenen Vorstellungen abzulaufen hat.

 

Wir Menschen handeln häufig nach erlernten Mustern. Das kennen alle die, die im Frust über eine bestimmte Situation gerne zu Schokolade greifen, um sich „mal was Gutes“ zu tun. Das kennen auch die, die beleidigt, zickig oder aggressiv reagieren, wenn etwas nicht nach ihren Wünschen läuft. Wenn wir ehrlich mit uns sind, sind das keine freien Handlungsweisen. Und auch wenn Sie uns bei genauer Betrachtung nicht gut tun, erreichen wir doch für einen Moment das Gefühl, die Situation in unserem Sinne im Griff zu haben. Eine andere Verhaltensweise stand in unserem Repertoire für diesen Moment nicht zur Verfügung. Da kommt die Frage auf, welche Motive unserem Handeln zugrunde liegen.

 

Interessant ist die Betrachtung dieser Motive auch, wenn wir an die Bilder denken, die unser Handeln leiten. Ist das große Haus alleine mein Wunsch nach Platz oder möchte ich als ein erfolgreicher Mensch wahrgenommen werden? Müssen meine Kinder aufs Gymnasium, weil ihre Begabungen dort am Besten gefördert werden oder leide ich heute noch darunter, dass ich selbst kein Abitur machen konnte? Liegt mir die neue, verantwortungsvolle Aufgabe im Betrieb wirklich oder reizen mich im Wesentlichen die damit verbundenen Privilegien?

 

Manchmal müssen wir da ganz tief schauen, doch allein die Tatsache sich unserer Handlungsmuster und unserer echten Motive bewusst zu werden, ist ein erster Schritt zu neuen Wegen. Und zu mehr innerer Freiheit. Meist schmeckt uns die Erkenntnis nicht besonders, dass wir gar nicht so frei sind und handeln, wie wir denken. Aber das macht nichts. Im Gegenteil, das kann auch eine befreiende Wirkung haben. Wichtig ist, wie wir damit umgehen, um unsere Verhaltensmuster zu erweitern, wie wir zu immer mehr innerer und äußerer Freiheit gelangen.

 

In der Vorweihnachtszeit erhielt ich einen Anruf: „Fährst Du mit mir auf eine Insel? Ich kann nicht mehr, mir ist alles zu viel!“ Was denn zuviel sei, war meine Frage an meine alte Freundin. „Ich muss noch sechs Sorten Plätzchen backen.“ Dann lass es doch, war meine Antwort, wer zwingt dich denn dazu? „Ich selbst, ich hab doch schon alles eingekauft...“ Darüber kann man lachen, oder mal mit einem zwinkernden Auge bei sich selber nachspüren.

 

Innere Freiheit!

Das Kind einer befreundeten Familie ist sehr ängstlich und schüchtern, dabei musisch ausgesprochen begabt und als einziges Kind der Familie mit viel Aufmerksamkeit und Erwartung bedacht. Die Mutter erzählt vom schwierigen Weg ihr Kind so zu nehmen, wie es ist: „Für mich und meinen Mann war das Verhalten unserer Tochter oft unverständlich. Wir haben uns oft gewünscht, dass sie mutiger, selbstbewusster und frecher ist. Als dann eine Lehrerin uns in einem Elterngespräch Vorwürfe machte, dass unsere Tochter in ihrer stillen Art und Weise so im Leben nie zurecht kommen würde, fühlte plötzlich ich mich angegriffen und ich spürte, dass es meine Eitelkeit war, ein perfektes Kind haben zu wollen. Seit dem sehe ich meine Tochter anders an und ich erarbeite mir mühsam einen neuen annehmenden Umgang mit unserem Kind. Aber ich fühle mich auch wie befreit.“

 

Freie Menschen sind aber auch demütige Menschen. Sie geben ihr innere Zustimmung zu den Wegen des Lebens, die nicht zu ändern sind. Freie Handlungsoptionen sind nicht immer verfügbar. Als unser über achtzig Jahre alter Nachbar mit seiner Frau in eine betreute Wohneinrichtung umzog, fragte ich ihn, ob er sich darauf freue. Er antwortete: „Ja, denn es ist gut, wenn man das, was man tun muss, auch möchte. Ich übe mich in der Kunst, das Unausweichliche im Vertrauen auf Gott gerne und freudig zu wollen.“ Ein freier Mensch.

 

in: "basis - Zeitschrift aus Schönstatt", 4/2012

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