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Spieglein, Spieglein an der Wand

Nicole Palm,


Die Sehnsucht nach einem authentischen Leben ist tief in uns hineingelegt. Der Weg dorthin jedoch erfordert Vertrauen und Beständigkeit.

Ein guter Freund, dessen Vater viele Jahre als Chirurg tätig war, erzählte uns vor kurzem, dass er seinen Vater zu Hause immer als sehr ruhigen und gutmütigen Menschen erlebt hat. Egal, wie turbulent es daheim auch zuging, der Vater hatte immer ein offenes Ohr für die Kinder. Er war geduldig, ein Fels in der Brandung und hatte viel Humor. Wo der Vater war, wurde viel gelacht. Daher war der Sohn auch tief getroffen, als er vor einiger Zeit mit einer Krankenschwester sprach, die jahrelang mit dem Vater in der Klinik zusammengearbeitet hatte. Diese erzählte ihm, dass das gesamte OP-Team immer sehr angespannt war, wenn sein Vater operierte. Er war als Perfektionist mit hohen Ansprüchen an seine Mitarbeiter bekannt, und es kam mehr als einmal vor, dass das Operationsbesteck durch denRaum flog, wenn jemand nicht konzentriert mitarbeitete. Nach einem Gespräch mit seiner Mutter ging unserem Freund dann auf, dass sie diese Seite an ihrem Mann natürlich kannte, ihn aber selber so nicht erlebte, sondern wiederum auf eine ganz eigene Art und Weise, nämlich als ihren Ehemann.

Egal, wie nahe wir jemandem stehen, wir bekommen scheinbar immer nur eine Ahnung von dem Menschen, den wir zu kennen glauben. Wir erleben ihn in einer bestimmten Rolle oder Situation und tragen Erwartungen an ihn heran. All das erfasst jedoch nur einen Teil seiner Persönlichkeit. Was aber macht den eigentlichen Kern aus? Wer bin ich und was ist meine mir zugedachte Aufgabe?

Diese Fragen begleiten uns unser ganzes Leben. Es gibt Augenblicke, in denen wir spüren, dass wir dem eigenen Geheimnis ganz nahe sind, dann wiederum fühlen wir uns dem weit entfernt.

 

Ach wie gut, dass keiner weiß, dass ich…“

In manchen Situationen sind wir versucht, unser eigenes Ich zu verbergen. Manchmal mit Absicht, manchmal jedoch auch unbewusst. Oft passen wir uns Personen oder Gruppen an, übernehmen Meinungen und Eigenarten anderer, weil wir dazugehören wollen. Wir brauchen die Anerkennung von anderen und wollen etwas gelten. Unsere eigene Persönlichkeit scheint uns dafür manchmal nicht gut genug, und so kann es leicht passieren, dass wir von außen geformt werden. Es kostet eine gehörige Portion Mut, die eigene Persönlichkeitswurzel zu suchen und zu akzeptieren. Unsere Begeisterung kann uns eine Richtung weisen: Für was brenne ich, wann mache ich etwas mit „Herzblut“ und großer Freude? Auch Schicksalsschläge können uns der eigenen Identität näher bringen. Wenn wir schonungslos mit unserer Begrenztheit, Krankheit oder Tod konfrontiert werden, bröckelt ein Teil unserer Fassade, und wir spüren, dass wir zu mehr berufen sind, als nur Kopien oder Marionetten anderer zu sein.

 

Aber Großmutter, warum hast Du so…“

Meine Persönlichkeit kann viele Farben und Stimmungen haben. Dabei kann eine Eigenschaft so deutlich hervortreten, dass sie andere Seiten meiner Identität überstrahlt. Es gibt Momente, wo ich zum Beispiel sehr vorsichtig und zurückhaltend bin, während – wenn es um meine Kinder und Familie geht – mein Kampfgeist geweckt wird. Ich trage viele Facetten in mir, jedoch wurzeln all diese in einem Kern, der nur mich ausmacht. Es ist hilfreich, immer wieder nachzuspüren, warum ich so reagiere und handle, was mich antreibt und warum. Auch meine negativen Seiten gehören zu mir, so gerne ich sie auch vergessen und verstecken möchte. Manchmal nutzt Gott gerade das größte Chaos und die größte Unordnung in meinem Leben, um mein Innerstes zu berühren und zu ordnen.  

Eine große Gefahr bei der Suche nach mir selbst ist das Vergleichen. Talente und Gaben anderer fallen mir meistens sofort auf und schnell fühle ich mich benachteiligt, manchmal sogar klein und wertlos. Doch jeder ist einzigartig, ein Lieblingsgedanke Gottes und von Ewigkeit her erdacht. Um es mit den Worten des amerikanischen Schriftstellers und Seelsorgers Max Lucado auszudrücken: „Gott liebt uns so, wie wir sind – aber er will uns auf keinen Fall so lassen.“ Er nutzt mein Leben mit all seinen Herausforderungen, um mich zu formen – denn er hat Größeres mit mir vor!

Spieglein, Spieglein an der Wand …“

Um jemanden wirklich gut zu kennen, braucht es viel Zeit. Ich muss ihn in den verschiedensten Situationen erlebt haben und eine Nähe zulassen, die manchmal weh tut. Das gilt besonders für unseren Ehepartner, aber auch für uns selbst. Auf der einen Seite hilft uns da ein offenes und ehrliches Gespräch miteinander, denn oft wirken wir auf andere ganz anders, als wir uns selbst erleben oder erleben möchten. Gerade der Ehepartner kann da ein guter Spiegel sein und uns manche unserer Facetten vor Augen halten, was gelegentlich auch schmerzlich ist. Auf der anderen Seite werden wir uns selbst kaum zwischen „Tür und Angel“ finden können. Ich brauche Ruhe und Geduld mit mir selbst, um dem nachzuspüren, was mich im Innersten ausmacht.

Wovon sollt´ ich satt sein?

Sprang nur über Gräbelein und fand kein einzig´ Blättelein …“

Die Suche nach der eigenen Identität ist ein langer Prozess mit vielen Höhen und Tiefen. Das Gefühl, meine Bestimmung zu leben, kann ich nicht erzwingen. Es ist ein Geschenk, zu spüren, dass ich einen von Gott gegebenen Auftrag habe.

Papst Franziskus spricht uns Mut zu, wenn er sagt: „Vergrabt nicht Eure Talente, die Gaben, die ihr von Gott empfangen habt! Habt keine Angst, das Große zu wollen.“ Unser wohl spannendstes Abenteuer sollte sein, mit dem vollen Einsatz all unserer Talente frei zu werden für unsere Mission und uns von Gottes Vorsehung überraschen zu lassen. Das setzt tiefes Vertrauen voraus. Je mehr Zeit ich mit Gott verbringe – im Gebet, der Eucharistie und der Schriftlesung – desto mehr kann dieses Vertrauen wachsen. „Das Große zu wollen“ heißt nicht, etwas Großes leisten zu müssen. Wenn ich damit beginne, den Aufgaben und Personen, die heute auf mich warten, hier an meinem jetzigen Platz mit aufrichtiger Liebe zu begegnen und mein Bestes zu geben, dann bekomme ich vielleicht immer mehr eine Ahnung von der Person, zu der ich berufen bin.       

In: „unser weg“ - Schönstatt Familienmagazin 1/2014

www.unserweg.com


 

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