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Drei geistliche Reisen des Mannes


Viele Menschen misstrauen männlicher Liebe, weil sie diese nirgends oder nur als wenig verlässliche oder mit Konditionen verknüpfte Liebe erlebt haben.

 

Männerbilder

Franz Kafka beschreibt in seinem Brief an den Vater, wie er zu ihm aufgeschaut, ihn bewundert habe, aber an seinen Erwartungen und Anforderungen und der herrischen Art gescheitert sei, sich nichtig und nutzlos fühlte. „Männer sind Schweine“ singt die Gruppe „Die Ärzte“. Vielleicht stehen entsprechende Erfahrungen dahinter, gewiss aber ein biologistisches Menschenbild. Abgeleitet von den Gesetzen der Evolution sieht man den Menschen als Wesen, das von seinen Trieben gesteuert wird. Dahinter stehen auch Vorstellungen, die aus dem radikalen Feminismus kommen, etwa die Hypothese eines Gegeneinanders der Geschlechter im Kampf um die Macht. Andererseits werden höchste Anforderungen an den „neuen Mann“ gestellt: Männlich soll er sein, stark, klug und tapfer, zuhören soll er können, Mitgefühl soll er empfinden, ein guter Liebhaber soll er sein, aber auch der Held, der seine Prinzessin glücklich macht und seine Kinder hingebungsvoll versorgt.

 

Drei Reisen des Mannes

Wie soll ein Mann all das „unter seinen Hut“ bekommen? Richard Rohr, ein amerikanischer Franziskaner, Gründer einer geistlichen Gemeinschaft und „Männerspiritual Amerikas“ hat sich intensiv mit männlicher Spiritualität auseinander gesetzt und seine Erfahrungen in das Bild von geistlichen Reisen gebracht – „Geistlich“ im weitesten Sinne als persönliche Entwicklung zu verstehen. Diese Reisen sind keine fixe Abfolge, sondern ein sich spiralförmig immer weiter entwickelnder Weg.


1. Der frauliche Mann
Die erste Reise des Mannes besteht darin, in sein Inneres zu schauen, von der „coolness“ und vom Kampf um Position und Rang abzulassen, von der Sachebene Abstand zu gewinnen und Gefühle zuzulassen, vor allem die eigene Schwäche zu akzeptieren. Das ist sehr schwer, weil Sicherheiten auf gegeben werden müssen. Viele Frauen wünschen sich einen Mann, der sie versteht, der auch weich sein kann, der nicht immer nur stark ist. Richard Rohr bezeichnet diese Reise – besonders in der Begegnung mit der Frau – als die „Reise des Jüngers Johannes“. Der Jünger Johannes ist sich seiner Männlichkeit so sicher, dass er es sich leisten kann seine Gefühle zu zeigen, seinen Kopf auf die Brust Jesu zu legen und sich dafür nicht zu schämen braucht.


2. Der wilde Mann

Wenn der Mann die frauliche Seite „integriert“, dann kann er dabei stehen bleiben. Es fehlt ihm aber noch etwas, er bleibt ein „Softie“. Ein Mann braucht Lebensziele und eine Aufgabe, eine Vision, Energie, er muss schöpferisch gestalten. Seine schöpferische Kraft darf sich nicht im Gefühl und im Bemuttern erschöpfen, er muss etwas bewegen, Verantwortung übernehmen. Diese „Reise ins Männliche“, in eine vertiefte und erneuerte Männlichkeit nennt Rohr die „Reise des Täufers Johannes“. Johannes war ein Mann mit einer Botschaft, einer der kämpfte, für etwas einstand und schließlich sogar dem Hof des Herodes gefährlich wurde und dafür mit dem Leben bezahlte. Diese zweite Reise ist einsam, führt oft durch die Wüste und kann eigentlich nur mit einem Freund gegangen werden. Deshalb sind auch Männerfreundschaften oder Gruppen wichtig, in denen Männer sich austauschen können.


3. Der kindliche Mann

Am Anfang des öffentlichen Auftretens Jesu steht das Wort Gottes bei der Taufe am Jordan: „Dies ist mein geliebter Sohn“. Noch bevor Jesus sich als Messias zeigt, bekommt er diese Zusage. Kind-sein und reifes Mann-sein bedingen sich gegenseitig. Vor wem kann ein Mann Kind werden, wenn nicht vor Gott. „Du bist mein geliebtes Kind“ bedeutet nicht weichliches sich Einkuscheln, sondern Gott ganz zu vertrauen, in kindlichem Geist in seine Arme zu springen. Er gleicht einem Kind, das von einem erhöhten Punkt aus in die Arme des Vaters springt, im Vertrauen, dass er es auffängt. Das bedeutet auch Wagnisse einzugehen: „Auf dein Wort hin...“. Im Wagnis und der dabei erlebten Ohnmacht und im angenommenen Leid vertieft sich der Blick in das Innere – auf die eigene Grenze und Schwäche, ja die eigene „Erbärmlichkeit“ (Josef Kentenich). Ich würde diese dritte Reise in das echte Kindsein als die Reise Jesu bezeichnen.

 

Frucht der drei Reisen: Väterlichkeit

Die Frucht der drei Reisen des Mannes ist eine reife Väterlichkeit, die sich in den Dienst am Leben der Kinder und der anvertrauten Menschen, etwa der Mitarbeiter, stellt:

  • Durch innere Teilnahme und echtes Interesse am Leben des Gegenübers – „der Vater nimmt dich an“

  • Durch das Einstehen für Werte und eine Botschaft, durch Unterstützung und Ermutigung zum Wagnis – „der Vater sieht dich groß“

  • Durch die Erkenntnis, das Erleben und die Annahme der eigenen Erbärmlichkeit wird er fähig, die Erbarmungswürdigkeit des anderen zu erkennen und es wie der Vater des verlorenen Sohnes anzunehmen und Transparent der Vaterliebe Gottes zu sein.

 

Josef Kentenich hat das innere Wesen des reifen Mannes mit den Worten „puer et pater“ beschrieben: Kind und Vater. Kind vor Gott und Vater vor den Menschen, um es ganz einfach auszudrücken. Der Vater ist auch ein Mann, der anderen Männern bei ihrer geistlichen Reise hilft.

 

Gilbert Schimmel – ein Beispiel

Gilbert Schimmel, ein einfacher Arbeiter aus Milwaukee, hat diese Reisen gemacht. Er war ein „wilder Mann“, einer der sich im Beruf, in der Gewerkschaft und kirchlich außerordentlich und mit viel Mut engagierte. Er kämpfte gegen korrupte Gewerkschaftsbosse und verlor deswegen zeitweise seinen Job. Er versandte Millionen von wundertätigen Medaillen in alle Welt und engagierte sich in Kirche und Pfarrei. In der Begegnung mit Pater Kentenich entdeckte er seine frauliche Seite, wurde in eine tiefere Verbindung mit seiner Frau und seinen Kindern geführt. Er entdeckte, dass das Wesentliche nicht die Aktion ist, sondern die innere Hingabe an eine große Sache. Auf seiner entscheidenden letzten Reise – er erkrankte an Krebs – entdeckte er ein noch größeres Ziel: Er wollte ein moderner Heiliger für Amerika werden und wuchs in wenigen Jahren zu einem ganz kindlichen Menschen heran, der sein Leben für diese große Aufgabe verschenkte.

 

X.
Aus: unser weg, Schönstatt Familienmagazin 1/2011

www.unserweg.com


 

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