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Unerwartete Schätze

05.05.2026

Schon wieder kommt mein Kind mit vollen Händen zur Tür herein, die Jackentaschen ausgebeult, die Schuhe schmutzig. „Mama, schau mal!“ – und ehe ich etwas sagen kann, liegen sie auch schon auf dem Küchentisch: Steine. Runde, kantige, glatte, raue. Große, kleine. Graue, rötliche, manche fast glänzend. Ich seufze. Noch mehr Steine. Als hätten wir nicht längst genug davon. Fensterbank, Regal, selbst im Badezimmer liegen sie inzwischen.

Ich verstehe es nicht. Es sind doch nur Steine. Schwer, staubig, und vor allem eines: im Weg. Ich denke an die Waschmaschine, die wieder klackern wird, weil sich ein Kiesel in einer Hosentasche versteckt. Ich denke daran, wie oft ich schon gesagt habe: „Lass sie doch draußen!“ Und doch bringt mein Kind sie immer wieder mit, als wären es Schätze.

An diesem Nachmittag, als ich die neueste Sammlung betrachte, halte ich einen der Steine länger in der Hand. Er ist überraschend glatt, fast warm. Mein Kind erzählt mir begeistert, wo es ihn gefunden hat, wie das Wasser darüber geflossen ist, wie lange er wohl schon dort lag. Ich höre nur halb zu – und doch beginne ich zu überlegen.

Steine. Waren sie wirklich immer nur lästig? Menschen haben seit jeher mit ihnen gebaut. Häuser, Mauern, ganze Städte. Kirchen, Kathedralen die seit Jahrhunderten stehen. Wege, auf denen Generationen gegangen sind wurden mit ihnen gepflastert. Aus Steinen wurden Werkzeuge, Schutzanlagen und Kunst hergestellt. Sie sind alt, beständig, tragen Geschichten in sich, die wir kaum erahnen.

Und dann kommen mir so viele biblische Bilder in den Sinn: Von Altären, die errichtet wurden. Vom Stein, der ins Rollen kommt. Vom Felsen, auf dem man bauen kann. Von Christus, dem Eckstein, der alles trägt und zusammenhält. Ein Stein – nicht einfach nur irgendetwas Belangloses, sondern ein Zeichen von Halt, von Verlässlichkeit, von etwas, das bleibt.

Mein Blick wandert wieder auf den Tisch. Die Sammlung meines Kindes wirkt plötzlich anders. Nicht mehr wie ein Haufen Geröll, sondern wie eine kleine Welt voller Möglichkeiten, Erinnerungen, vielleicht sogar Geheimnisse. Jeder Stein einzigartig, jeder ein Fund, der gesehen und aufgehoben wurde.

Als mein Kind mich erwartungsvoll anschaut, lächle ich zum ersten Mal wirklich. „Der ist schön“, sage ich und meine es ernst.

Und dann denke ich an den Stein vor dem Grab Jesu. Daran, dass er weggerollt wurde. Dass selbst das, was schwer und unbeweglich scheint, nicht das letzte Wort hat.

Steine sind wohl doch mehr als nur Steine. Sie erzählen Geschichten von Menschen, von Hoffnung und manchmal auch von einem Anfang.


Eva


 

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